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Carreisen-Unternehmer Christoph Brem aus Wölflinswil machts vor: Nicht nur das Fahrzeug, sondern auch die Hände müssen stets desinfiziert werden. Foto: Jörg Wägli

Stillstand. Obwohl sie analog dem öffentlichen Verkehr weiterhin hätten fahren dürfen, wurden die Reisecars durch das Coronavirus komplett ausgebremst. Nach dem verordneten Lockdown von Mitte März ging in der Carreise-Branche gar nichts mehr. Erst mit den Lockerungen in den Tourismusregionen und dem Öffnen der Landesgrenzen  nehmen die Cars nun langsam wieder Fahrt auf – kann die Branche wieder nach vorn blicken. fricktal.info hat bei drei Fricktaler Carreise-Unternehmen nachgefragt.

JÖRG WÄGLI

 

Eigentlich hätten Mitte März die Winterreisen nach Norwegen und Finnisch Lappland starten sollen. Alles war bereit. Doch kurz vor der Fahrt: «Innerhalb von 24 Stunden war klar, es geht gar nichts mehr», blickt Stefan Kaufmann von der Schwarb Reisen AG aus Möhlin zurück. «Und innerhalb von zwei bis drei Tagen war unser Betrieb auf null heruntergefahren – bis heute.» Mit dem Stillstand verbunden: Kein Umsatz – 0 Franken Einnahmen.
Gleichzeitig mussten die Kunden über die Absage ihrer Reisen informiert, Rückerstattungen vorgenommen werden. «Ein riesen Aufwand für unsere zwei Büro-Vollzeitangestellten», sagt  Robert Winter von Siegrist-Reisen in Eiken. Zudem waren bereits namhafte Werbeausgaben angefallen. Alles in allem dürften Reisen und Ausflüge, die nicht stattfinden konnten, Kosten von rund 400 000 Franken verursacht haben, schätzt der Reiseunternehmer aus Eiken.

Branche hart getroffen
Die Pandemie bzw. der mit ihr verbundene Lockdown hat die Carreise-Branche hart getroffen. Dabei wäre die Reisebusbranche von den Coronavirus-Verordnungen des Bundes gar nicht direkt betroffen gewesen: Es gab kein offizielles Verbot von Carfahrten. Doch mit den Einschränkungen im öffentlichen Leben, der Verunsicherung in der Bevölkerung fiel auch die Nachfrage in sich zusammen. Auf erste Stornierungen ab Mitte Februar folgte im März die eigentliche Annulationswelle. Die Geschäftstätigkeit der gesamtschweizerisch rund 450 Reisebusunternehmen mit ihren rund 3000 Reisebussen, die jährlich normalerweise mehr als 10 Mio. Fahrgäste befördern und mit ihren rund 4200 Stellen einen Jahresumsatz von rund 1 Milliarde Franken erzielen, war faktisch stillgelegt. Und dies in einer Jahreszeit, in welcher normalerweise ein namhafter Teil des Jahresumsatzes erzielt wird. «Unsere besten Monate fehlen komplett», stellt Christoph Brem von der Brem Carreisen GmbH aus Wölflinswil fest. So musste Brem beispielsweise bereits vor dem Lockdown, nach der Schliessung der Grenzen, die Velofahrten nach Italien streichen. Und auch Stefan Kaufmann bestätigt: «Mitte April bis Mitte Juni ist normalerweise eine intensive Zeit, in welcher wir einen ersten Hauptanteil des Jahresumsatzes erzielen.»

Stillstand unterschiedlich gemeistert
Entsprechend ihrer unterschiedlichen Unternehmensstrukturen haben die drei Fricktaler Carreise-Firmen den Stillstand auf ganz verschiedene Art und Weise gemeistert. So musste die Schwarb Reisen AG für den ganzen Betrieb Kurzarbeit anmelden. Sie ist ein reines Familienunternehmen (nebst Stefan Kaufmann Bruder Rainer Kaufmann mit Ehefrau Jolanda und Tochter Jennifer), das zwar im Bedarfsfall auf Teilzeitchauffeure (meist Frührentner) zurückgreifen kann, aber keine weiteren Festangestellten aufweist . Die einzige Einnahmequelle stellte nach der Wiedereröffnung der Schulen am 11. Mai die morgendliche Entlastungsfahrt für Postauto Aargau auf der Linie Schupfart–Mumpf dar – bis heute.
Im Gegenzug kamen Siegrist Reisen komplett ohne Kurzarbeit aus. Ausbezahlt habe sich seine Philosophie, nicht nur auf ein Standbein zu setzen, so Geschäftsführer und Inhaber Robert Winter, der betont: «Als KMU müssen wir flexibel sein.» Und so konnte mit der Winter Transport AG, welche rund drei Viertel des Umsatzes generiert, der Stillstand im Reisegeschäft abgefedert werden, alle 45 Angestellten konnten zielgerichtet weiterbeschäftigt werden. Ebenfalls auf ihr zweites Standbein setzen konnte die Brem Carreisen GmbH. Zwar musste sie ebenfalls Kurzarbeit anmelden, mit dem Betrieb der Postautolinien Frick–Aarau (über den Benken) und Frick–Stein–Laufenburg kam das Unternehmen mit seinen 13 Vollzeitangestellten mit einem «blauen Auge» durch den Stillstand bei den Carreisen. 

Auf der Internetseite gibt es alle Infos zum aktuellen Angebot von Siegrist-Reisen. Foto: Screenshot/jwSilberstreifen am Horizont
Mit den Lockerungen im Restaurant- und Tourismus-Bereich und den Grenzöffnungen zeigt sich nun ein Silberstreifen am Horizont. Sowohl Brem Carreisen wie Schwarb Reisen sind gestern Dienstag zu ihren ersten Fahrten gestartet. Während es mit Brem an den Zugersee ging, stand bei Schwarb die Tagesfahrt Albispass–Reusstal auf dem Programm. Noch etwas Abwarten heisst es bei Siegrist. Hier werden die ersten Reisen und Ausflüge ab Juli angeboten. Einig sind sich die drei Reiseanbieter, dass der Neustart keinesfalls mit «Vollgas» erfolgen kann, sondern Schritt um Schritt erfolgen wird. «Nebst Juni und Juli scheint auch der August gelaufen zu sein», meint Christoph Brem: «Wir hoffen auf die Monate September und Oktober.»
Denn nicht nur die möglichen Destinationen müssen geöffnet sein, auch die Fahrgäste müssen mitmachen. Und gerade im Firmen-/Vereinsgeschäft wird das normale Niveau auch in der zweiten Jahreshälfte nicht erreicht werden. Doch alle drei Carreisen-Anbieter wären nicht Unternehmer, würden sie nicht versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. So werden sie mit attraktiven Angeboten versuchen, für die zweite Jahreshälfte zu retten, was zu retten ist. Dies ist aber auch mit Zusatzaufwand verbunden, kann doch nicht einfach auf das normale Jahresprogramm zurückgegriffen werden. «Reise um Reise müssen wir abklären, ob diese mit den jeweils geltenden Bestimmungen durchgeführt werden kann. Zudem haben wir fünf neue Schweizer Rundreisen ins Programm aufgenommen», erklärt etwa Stefan Kaufmann. Und bei Brem Reisen werden Ersatzangebote geschaffen, beispielsweise ein Konzept für Familienausflüge in der Schweiz. Und auch auf der Internetseite von Siegrist Reisen sind diverse kurzfristig realisierte Reiseangebote zu finden.
Bis jedoch die drei Cars von Schwarb Reisen, die drei Fahrzeuge von Brem Car­reisen und die 14 Reisebusse von Siegrist Reisen wieder im Normalbetrieb stehen werden, wird es noch Wochen oder Monate dauern. Zumindest dürfen alle drei Reiseanbieter erfreut feststellen, dass die Reiselust bei den Menschen vorhanden ist. «Die Leute wollen wieder unterwegs sein», stellen sie fest. Alle drei sind sich aber auch bewusst, dass die Kundschaft neben der Lust vor allem auch das Vertrauen in die Sicherheit beim Reisen braucht.

Umfassendes Schutzkonzept
Ein umfassendes Schutzkonzept für sichere Carfahrten hat der Schweizerische Nutzfahrzeugverband ASTAG mit seiner Fachgruppe Car Tourisme Suisse für die Branche erarbeitet. «Die Gesundheit der Kundinnen und Kunden wie auch des Fahr- und Begleitpersonals hat oberste Priorität», schrieb ASTAG Mitte Mai in einer Medienmitteilung und weiter: «Das Risiko einer Ansteckung mit COVID-19 soll so gering wie möglich gehalten werden – zumal Carreisen nebst einer zunehmenden Attraktivität für ein jüngeres Publikum bekannterweise vor allem bei älteren Menschen äusserst beliebt sind.» Und so werden bei Brem, Schwarb und Siegrist nicht nur die Fahrzeuge systematisch desinfiziert, Desinfektionsmittel für Fahrgäste und Chauffeure/Begleitpersonen werden ständige Begleiter auf den Reisen sein. Und auch den Abstandsregeln wird – obwohl nicht Vorschrift – soweit möglich Nachachtung verschafft. Dies nicht nur beim Ein- und Aussteigen oder der Gepäckabgabe, selbst während der Fahrt wird dem Abstandhalten bestmögliche Beachtung geschenkt. So werden Reisecars, je nach Passagierstruktur, nur teilweise ausgelastet und die Fahrgäste im Fahrzeug bestmöglich verteilt, wie von allen drei Fricktaler Anbietern bestätigt wurde. Und analog zum öffentlichen Verkehr wird den Passagieren das Tragen einer Gesichtsmaske zwar nicht vorgeschrieben, jedoch empfohlen, sollte die Abstandsregel nicht eingehalten werden können.
Massive Umsatzeinbussen
Für alle Carreise-Unternehmer ist klar: Es darf zu keinem Rückfall kommen. Eine zweite Coronavirus-Welle muss unter allen Umständen verhindert werden. Ein erneutes Ausbremsen hätte verheerende Folgen. Denn auch wenn nun wieder etwas Fahrt aufgenommen werden kann, wird das Jahr 2020 tiefe Spuren hinterlassen. Die drei Fricktaler Reisecar-Unternehmer rechnen mit Umsatzeinbussen über das ganze Jahr von 50 bis 70 Prozent, und dieser Ausfall muss erst verdaut werden. «Das braucht mindestens ein Jahr», sagt etwa Stefan Kaufmann.
Eine passable bis gute zweite Jahreshälfte 2020 sowie ein positives 2021 sind also dringend nötig. Und die Anzeichen hierfür stehen gut. Erste Anfragen und Buchungen für dieses Jahr können bereits wieder verzeichnet werden und mit den auf das nächste Jahr verschobenen statt stornierten Reisen haben sich die Auftragsbücher für 2021 teilweise bereits etwas gefüllt.
Die aktuellen Reiseprogramme sind auf den Internetseiten der jeweiligen Carreisen-Anbieter zu finden: • www.brem-car.ch • www.schwarbreisen.ch • www.siegrist-reisen.ch

Unsere Bilder
Erstes Bild: Carreisen-Unternehmer Christoph Brem aus Wölflinswil machts vor: Nicht nur das Fahrzeug, sondern auch die Hände müssen stets desinfiziert werden. Foto: Jörg Wägli
Zweites Bild: Auf der Internetseite gibt es alle Infos zum aktuellen Angebot von Siegrist-Reisen. Foto: Screenshot/jw
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