Am 4. April kommt Mundartdichter und Bestsellerautor Pedro Lenz ins Fricktal. Bei der Veranstaltung, die von der Kulturkommission Möhlin in Kooperation mit der Bibliothek Möhlin organisiert wird, wird der Schriftsteller aus seinem neuen Buch vortragen. Im Interview verrät Pedro Lenz unter anderem, was ihn zu diesem Buch inspiriert hat, was er mit seinen Kindern auf dem Spielplatz erlebt und wieso er lieber auf der Bühne als am Filmset steht.
LILIA STAIGER
Pedro, in deinem neuesten Buch «Zärtlechi Zunge» geht es um Alltagsgeschichten, als Poesie in Mundart verfasst, wie man es von dir kennt, aber auch insgesamt um das eher ernste Thema Leben, von der Geburt bis zum Tod. Was hat dich zu diesem Buch inspiriert?
Pedro Lenz: Grundsätzlich suche ich immer Themen, die mir sehr nah sind. Ich bin nicht der Typ für Science-Fiction oder Ähnliches, und ich suche die Nähe auch in der Mundart, also in der Form ebenso wie im Inhalt. In dem speziellen Fall waren meine drei kleinen Kinder meine Inspiration – es waren tatsächlich ihre Fragen und das Unmittelbare, was ich zum Ausdruck bringen wollte.
Im ersten Kapitel von «Zärtlechi Zunge» geht es um Geburtstafeln, unter anderem darüber, wie lange man sie stehen lässt. Wie schaffst du es, etwas ganz Banales zu Papier zu bringen, worüber vielleicht sehr viele Menschen nachdenken?
Pedro Lenz: Ich schreibe häufig über Dinge, die mir persönlich auffallen – ohne sie zu werten –, als Beispiel über die Kindertafeln, die es vor 20 Jahren noch nicht gegeben hat, und das fiel mir auf. Plötzlich sieht man diese Tafeln vor allem auf dem Land überall, in der Stadt weniger, und ich versuche, dazu Fragen zu stellen, ohne aber konkrete Antworten zu suchen. Die Idee dahinter ist, dass die Leserinnen und Leser sich selbst Gedanken dazu machen können. Meine Kinder haben zum Beispiel auch schon gefragt, warum sie keine Namenstafel bekommen haben (lacht), was ich schwer beantworten konnte. Aber wir leben eben in einer Stadt, wenn auch in einer eher kleinen.
Auch über Geschichten auf dem Spielplatz schreibst du in deinem Buch. Handelt es sich dabei um «echte» Geschichten, die du selbst erlebt hast, und verbringst du gerne mit deinen Kindern Zeit auf dem Spielplatz?
Pedro Lenz: Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern, auch auf dem Spielplatz, damit ich sie in Bewegung halten kann. Aber die Frage nach der Echtheit der Geschichten ist nicht einfach, da sie immer transformiert werden und häufig aus verschiedenen Beobachtungen und Begegnungen zusammengemixt sind. Mir ist aufgefallen, dass der Spielplatz so etwas wie ein Mikrokosmos ist, und ich habe bevor ich Kinder hatte, keinen Gedanken daran verschwendet. Und plötzlich ist man Teil dieses Mikrokosmos. Meine Kinder hören dort gerne zu, was die Mütter so besprechen und schauen, was so passiert. Das Repetitive, wie es beim «Auf und Ab» auf dem Spielplatz vorkommt, ist für mich ausserdem ein wichtiges Element, das auch in anderen Texten vorkommt.
Was macht das Repetitive für deine Texte aus?
Pedro Lenz: Es ist ein Stilelement, das mir beim Vortrag mit Musikern hilft. Musiker versuchen, wenn sie mich auf der Bühne begleiten, immer eine Regelmässigkeit zu finden oder herauszufinden, wie sie die Texte musikalisch untermalen können. Sobald es Repetitionen gibt, gibt es ihnen mehr Möglichkeiten. Häufig denke ich auch schon beim Schreiben an den Vortrag. «Zärtlechi Zunge» ist bereits mit der Absicht geschrieben, dass ich damit auf die Bühne gehe, was bei einem Roman weniger der Fall ist. In diesem Buch sind es fast schon Lieder, aber keine gesungen Lieder. Deswegen habe ich repetitive Elemente gern.
Deine Kinder sind jetzt 7, 3 und 4 Jahre alt. Liest du ihnen auch aus deinen Werken vor oder schreibst du vielleicht speziell für sie Geschichten?
Pedro Lenz: Das eher weniger, aber ich lese ihnen grundsätzlich viel vor, auch zum Teil Klassiker wie die Kinderbücher von Wilhelm Busch, wo mir die Reime und die Zeichnungen sehr gefallen. Aber ich versuche ihnen auch etwas zuzutrauen, auch Bücher, die heute pädagogisch heute nicht mehr so «in» wären, wie «Struwwelpeter», natürlich mit begleitenden Erklärungen, da dabei viele Fragen aufkommen. Mir ist noch wichtig, dass meine Kinder nicht vorzenzurieren, sondern darauf vertrauen, dass die Klassiker eine Wirkung haben. Meinem Vierjährigen habe ich zum Beispiel eine Geschichte über den Bub, der nicht gerne laufen will, in einer ersten Form vorgelesen, um zu schauen, wie er reagiert, und habe ihn gefragt, wie er die Geschichte findet. Er hat sich aber gleich wiedererkannt und gesagt: «Papa, das musst du löschen» (lacht). Inzwischen, wo das Laufen für ihn kein Problem mehr ist, findet er die Geschichte aber gut.
In einem Kapitel in «Zärlechi Zunge» geht es um das «Krokodil», abgeleitet vom Spanischen «cocodrilo». Der Ich-Erzähler, Redaktor bei einer Zeitung, soll einen vorzeitigen Nachruf auf eine berühmte Person verfassen. Handelt es sich dabei um eine echte Geschichte aus deinem Leben?
Pedro Lenz: Ja, ich habe das tatsächlich selbst erlebt, als ich bei der Redaktion der Aargauer Zeitung war. Ich habe nach einem Thema für einen Artikel gesucht, und man meinte, ich solle doch einen Nachruf schreiben, weil es immer gut sei, wenn man schon etwas Fertiges hat, wenn ein Todesfall dann eintritt. Ich kannte diese Textart bereits vom Hörensagen aus Spanien. Ich habe spanische Literatur studiert, und mir sagte damals im Studium jemand, dass das in Spanien absolut üblich sei bei älteren Politikern oder anderen bekannten Persönlichkeiten und es sogar eine eigene Gattungsbezeichnung habe: «cocodrilo».
Bei deinen Bühnenauftritten und Lesungen wirst du meistes musikalisch begleitet. Wie suchst du die passenden Musiker aus?
Pedro Lenz: Das ist lustigerweise oft fast ein Zufall. Ich lerne oft Musiker kennen, höre mir ihre Musik an und frage sie dann, ob sie bereit wären, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich stelle auch häufig fest, dass es mehr begabte Musiker gibt als Möglichkeiten, aufzutreten. In der Schweiz gibt es viele Jazzschulen und Konservatorien, die Musiker ausbilden, und es ist für sie gar nicht so leicht, Auftritte zu finden, daher habe ich immer verhältnismässig tolle Musiker, die ich überzeugen kann, mitzumachen.
Simon Spiess wird bei eurem Auftritt Saxophon spielen. Was zeichnet eure Zusammenarbeit aus?
Pedro Lenz: Simon Spiess ist in der Jazzszene eine ziemlich grosse Nummer. Er hat eigene Bands und spielt mit vielen Jazzgrössen in der Schweiz. Für mich ist es immer sehr inspirierend, mit Simon zusammenzuarbeiten. Es ist nicht nur der Bühnenauftritt, sondern es sind auch die Proben und die gemeinsame Anreise, wo wir uns austauschen. Das Einzige, was mir immer wieder leidtut, ist, dass ich meine Bücher irgendwann in den Druck geben muss, denn bei den Proben habe ich immer noch neue Ideen. Für mein neues Programm habe ich mir überlegt, dass ich die Texte zunächst intensiv mit Musikern probe und erst dann einen Verlag suche.
Der Verlag, bei dem «Zärtlechi Zunge» erschienen ist, ist auch derselbe, bei dem schon dein Bestsellerroman «Der Goalie bin ig» herausgegeben wurde. Ist das der Verlag deines Vertrauens?
Pedro Lenz: Es ist ein sehr bekannter Verlag, aber es ist mehr oder weniger ein Ein-Mann-Betrieb; er hat nur die Kapazität, vier bis sechs Bücher im Jahr herauszugeben. Daher kann ich dort nicht jedes Jahr ein Buch machen. Es ist aber ein wirklich interessanter Verleger, denn er hat früher Lesungen veranstaltet, vor allem Poetry Slams, und erst mit der Zeit begann er, als Verleger tätig zu werden. Ich kenne ihn also seit den Anfängen, also bevor er mein Verleger war, war er mein Veranstalter.
Du standst schon unter anderem für die mehrfach ausgezeichnete Verfilmung von «Der Goalie bin ig» selbst vor der Kamera. Bevorzugst du die Bühne oder das Filmset?
Pedro Lenz: Die Bühne. Ich habe in diversen Filmen kleine Rollen gespielt, wie damals für die Regisseurin Bettina Oberli in dem französischen Film «Le vent tourne», und jetzt im Moment spiele bei der Verfilmung von «Maloney» mit. Aber Filmrollen suche ich wirklich nicht; ich mache das nur, wenn Produzenten mich fragen. Ich empfinde Filmaufnahmen als etwas sehr Anstrengendes, und zudem bin ich kein ausgebildeter Schauspieler. Man muss zehn Mal das Gleiche machen und viel auf dem Set warten. Auf der Bühne zu sein, fällt mir hingegen leicht. Die Unmittelbarkeit des Moments macht es aus, denn ich weiss, ich kann es nicht repetieren, ich muss es jetzt bringen. Näher als der Film liegt mir das Theater, da man dort auch auf der Bühne steht. Aber trotzdem könnte ich nur eine Rolle spielen, die mir ähnlich ist, denn für ein mir völlig fremde Rolle fehlt mir die Ausbildung.
Was hast du als Schriftsteller speziell aus deiner Filmerfahrung von «Der Goalie bin ig» für dich mitgenommen?
Pedro Lenz: Beim Film hat mich vor allem das Teamwork begeistert, ausserdem die grosse Logistik; Leute, die Strassen sperren, andere, die für die Beleuchtung sorgen, und so weiter. Es ist aber auch ein Risiko, wenn man einen Roman geschrieben hat, bei dem man der Herrscher über die Szenerie war, und dann soll dieser Roman verfilmt werden, und man gibt es aus der Hand. Es war für mich ein heikler Moment, und ich hatte nur zwei Möglichkeiten: die Filmrechte zu verkaufen oder selbst am Drehbuch mitzuarbeiten, für Letzteres entschied ich mich. Ich konnte auch von Anfang an bei der Suche nach Locations und der Auswahl der Schauspieler mithelfen und «meinen Senf dazugeben», darum hat die Verfilmung dann auch meinen Vorstellungen entsprochen.
Pedro, du bist vor allem als Schweizer Mundartdichter und -schriftsteller bekannt, aber du hast ja auch spanische Wurzeln und hast spanische Literatur studiert. Hast du auch schon Werke auf Spanisch verfasst oder hast du es allenfalls noch vor?
Pedro Lenz: Wissenschaftlich habe ich das ein oder andere auf Spanisch publiziert, und ich habe einzelne Texte für den persönlichen Gebrauch auf Spanisch geschrieben. Um literarisch schreiben zu können, suche ich immer die sprachliche Nähe; ich muss von der Sprache, in der ich schreibe, umgeben sein. Wenn ich in Spanien leben würde und jeden Tag im Zug, auf der Strasse oder in der Beiz Spanisch hören würde, würde ich es eher wagen.
Als mein erster Sohn geboren wurde, hatte ich aber so eine Freude, dass ich für ihn ein langes Gedicht auf Spanisch geschrieben habe. Es ist nicht publiziert, aber als ich bei einem Festival in Buenos Aires, Argentinien, eingeladen war, habe ich es öffentlich gelesen. Es hat mich ermutigt, dass es beim Publikum sehr gut ankam, und es hat mich an meine eigene Kindheit erinnert, da ich als kleines Kind mit meiner Mutter vor allem Spanisch geredet habe. Ich bin mit meiner Familie auch heute noch oft in Spanien.
Worauf können sich die Zuschauer deinem und Simons Auftritt am 4. April in Möhlin freuen und worauf freust du dich?
Pedro Lenz: Mit Simon Spiess ist es durch die Jazzmusik sehr interessant, weil zwei Auftritte nie haargenau gleich sind – eigentlich ist es jedes Mal eine Premiere, kann man sagen. Er hat nicht nur sein Saxophon als Instrument, sondern zusätzlich noch spezielle Geräte, und er kann Stimmungen sehr gut aufnehmen. Ich freue mich daher selbst auf jeden Auftritt, da es auch für mich immer ein wenig neu ist.
Weitere Informationen zur Veranstaltung und Tickets: 4313kultur.ch
Bilder
Erstes Bild: Pedro Lenz und Simon Spiess. Foto: Beni Blaser
Zweites Bild: Pedro Lenz. Foto: Liliane Holdener
Drittes Bild: Pedro Lenz. Foto: Patricia von Ah
Ticket-Verlosung
In Zusammenarbeit mit der Veranstalterin, der Kulturkommission Möhlin, kann fricktal.info für die Veranstaltung mit Pedro Lenz im SteinliChäller in Möhlin vom 4. April um 20 Uhr 2 × 2 Tickets verlosen. Die Teilnahme ist bis am Sonntag, 23. März, möglich. Mitmachen ist einfach unter: tickets.fricktal.events