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Sie setzten am Montag den symbolischen Spatenstich, von links: Ralph Wächter, David Gautschi, Raffael Schubiger, Daniel Wernli und Manuel Häfeli.
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Das Augster Wärmenetz der AEW Energie AG wird erweitert und schon bald zu 100 Prozent klimaneutral sein

Wärme aus regenerativen Quellen ungenutzt verpuffen zu lassen, macht in Zeiten des Klimawandels und drohender Energiekrisen wenig Sinn. Und Heizenergie aus Holzpellets zu gewinnen, ist wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Die AEW Energie AG baut daher ihr Wärmenetz in Augst aus und wird ab der kommenden Heizsaison ihre Bestands- und Neukunden mit Wärme versorgen, die zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird.

MICHAEL GOTTSTEIN

Am Montagnachmittag setzten David Gautschi (Leiter des Geschäftsbereichs Produktion), Raffael Schubiger (Präsident des Verwaltungsrates), Daniel Wernli (Leiter der Wärmeproduktion) zusammen mit dem Vizepräsidenten der Gemeinde Augst, Ralph Wächter, und dem Kraftwerks-Betriebsleiter Manuel Häfeli den symbolischen Spatenstich für das mehr als acht Millionen Franken teure Projekt. Damit treibt das Unternehmen den Ausbau der nachhaltigen und effizienten Wärmeversorgung voran und folgt seiner Strategie, bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen. Bisher verfügt die AEW in Augst über ein Wärmenetz, das aus einer mit Öl und Pellets betriebenen Contracting-Anlage in Pratteln gespeist wird. Diese soll mit der Inbetriebnahme des neuen Wärmenetzes stillgelegt werden.

Die Technik

Die Kraftwerkshalle mit Generatoren, die die Fliesskraft des Wassers in Strom verwandeln und dabei Abwärme produzieren.Das zwischen 1908 und 1912 erbaute Flusskraftwerk Augst/Wyhlen ist ein Monument aus der Zeit der Hochindustrialisierung, und die Kraftwerkshalle wahrt bis heute ihr Erscheinungsbild aus der Belle Epoque; dies wird auch so bleiben, denn die Umbauten finden nur im Inneren statt. In der imposanten, lichtdurchfluteten Kraftwerkshalle befinden sich Generatoren, die die Fliesskraft des Rheins in Strom umwandeln – eine alte, bis auf den heutigen Tag bewährte und effiziente Technik mit einem Wirkungsgrad von rund 90 Prozent.Allerdings wird dabei auch Abwärme frei, die an die Luft oder das Rheinwasser abgegeben wird. Künftig wird die AEW diese Abwärme per Leitungsnetz an ihre Kunden liefern. Zusätzlich werden vier Wärmepumpen mit einer Leistung von 2,2 Megawatt in der Kraftwerkshalle installiert. Die Wärmepumpen funktionsweise wie ein «umgekehrter Kühlschrank». Sie sind mit einem Kältemittel gefüllt, das bereits bei sehr niedrigen Temperaturen in einen gasförmigen Zustand übergeht, so dass nicht nur die Abwärme der Generatoren, sondern auch das relativ kühle Wasser des Rheins als «Wärmequelle» genutzt werden kann. Bei der Verdunstung wird der Umgebung Energie, sprich Wärme, entzogen, und bei der anschliessenden Kompression gibt das nunmehr wieder verflüssigte Kältemittel Wärme ab, die über das Netz in die Haushalte verteilt werden kann.

Da sich viele regenerativen Energien (vor allem Wind und Sonne) gegenüber dem schwankenden Wärmebedarf der Kunden höchst gleichgültig verhalten, kommt es vor allem im Sommer zu einer Überproduktion. Daher wird die AEW einen Durchlauferhitzer einsetzen und in der Trafostation drei jeweils 15.000 Liter Wasser fassende Tanks installieren. Diese werden in Zeiten der Überproduktion aufgeheizt, damit sie während der Verbrauchsspitzen die nötige Wärme liefern. Auf diese Weise kann das Augster Wärmenetz auf gas- oder ölbetriebene Spitzenlastkessel verzichten und künftig zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Im Endausbau wird die Anlage einen Wärmeabsatz von 4400 Megawattstunden pro Jahr liefern und im Vergleich zu fossilen Heizsystemen rund 1200 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid einsparen.

Ein Baudenkmal der Belle Epoque: Das Flusskraftwerk Augst/Wyhlen; sein Äusseres bleibt beim aktuellen Bauprojekt gewahrt.Zurzeit sind gut ein Dutzend Gebäude (meist Mehrfamilienhäuser) an das Wärmenetz angebunden. Wenn die neue, 1300 Meter lange Leitung fertiggestellt sein wird, können sich weitere Kunden anschliessen. Die Eigentümer von 18 weiteren Gebäuden haben schon Verträge unterzeichnet, die Eigentümer von knapp 20 weiteren Häusern in der Umgebung haben Interesse signalisiert. «Wir können noch neue Kunden annehmen, letztendlich entscheidet der Zeitpunkt der Antragstellung», erklärte Daniel Wernli. Im Juni erfolgt die Lieferung der Wärmepumpen. Nachdem 2019 die ersten Ideen zu einem Wärmeverbund in Augst skizziert worden waren, soll zur Heizperiode 2026/27 100 Prozent regenerative Energie an die angeschlossenen Gebäude geliefert werden.

Die Bewertung des Projekts

Für David Gautschi ist der Wärmeverbund Augst ein Beispiel dafür, dass sich «bestehende Energieinfrastrukturen und natürliche Ressourcen effizient kombinieren lassen, um eine nachhaltige Wärmeversorgung sicherzustellen». Raffael Schubiger bedauerte, dass der von der AEW geplante Windpark Lindenberg im vergangenen Jahr von der Stimmbevölkerung von Beinwil/Freiamt abgelehnt worden war. Dies sei in Augst nicht zu befürchten: «Ich wüsste nicht, an welcher Stelle man bei diesem Projekt Einspruch erheben sollte», denn: «Man sieht die Einbauten von aussen gar nicht». Die dem Rheinwasser entzogene Wärmemenge sei zu vernachlässigen. «Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit beissen sich gelegentlich – aber das ist hier nicht der Fall.»

Zur Information

Die AEW Energie AG ist ein selbstständiges Unternehmen des Kantons Aargau und eine integrierte Dienstleisterin, die Netze betreibt und Strom, Wärme und Kälte produziert. Seit Anfang der 1990-er Jahre betreibt sie Wärmeverbundnetze und Contracting-Anlagen. Heute gibt es 78 (mit Augst bald 79) derartige Anlagen im Aargau und den angrenzenden Kantonen. Mit einer Produktionskapazität von mehr als 240 Gigawattstunden versorgt die AEW über 17.000 Haushalte.

Bild 1: Sie setzten am Montag den symbolischen Spatenstich, von links: Ralph Wächter, David Gautschi, Raffael Schubiger, Daniel Wernli und Manuel Häfeli.
Bild 2: Die Kraftwerkshalle mit Generatoren, die die Fliesskraft des Wassers in Strom verwandeln und dabei Abwärme produzieren.
Bild 3: Ein Baudenkmal der Belle Epoque: Das Flusskraftwerk Augst/Wyhlen; sein Äusseres bleibt beim aktuellen Bauprojekt gewahrt.
Fotos: Michael Gottstein