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«Ich lasse mich vom Material leiten». Eva Christina Kündig beim Modellieren in ihrem Atelier. Foto: Sonja Fasler
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«Pulp ist eine Diva» – Eva Christina Kündig verwandelt in ihrem Densbürer Atelier Zeitungen zu Kunstobjekten

Eva Christina Kündig kreiert aus Altpapier ausdrucksstarke Skulpturen – und hat dafür in Densbüren einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Dort, am Holandweg 9, befindet sich seit kurzem ihr Atelier «Ave Pulpart».

SONJA FASLER

«Labella» 35x25 cm, Jahr 2026, Papier, Acryl und Metallkäfig. Foto: zVgWenn Eva Christina Kündig eine Zeitung in die Hände bekommt, interessiert sie sich weniger für den Inhalt als für das Papier. Denn was andere lesen und anschliessend entsorgen, wird bei ihr zum Ausgangsmaterial für Kunst. «Die wenigsten Nachrichten sind positiv, darum mache ich lieber schöne Sachen aus negativen Schlagzeilen», sagt die 54-Jährige lachend. In ihren Skulpturen und Vasen steckt inzwischen auch Papier aus dem Fricktal.
Seit rund zwölf Jahren arbeitet die Künstlerin mit Pulp, einer Masse aus aufgeweichtem und fein püriertem Papier. Daran gefällt ihr besonders die Idee, aus etwas Weggeworfenem etwas Neues zu erschaffen. Seit fünf Jahren kann sie von ihrer Kunst leben. Vor kurzem hat sie ihr Atelier von Muttenz nach Densbüren verlegt. Das kleine Häuschen, in dem sie nun wohnen und arbeiten kann, sei für sie ideal. «Ich wollte mehr aufs Land, suchte die Ruhe.» Das neue Zuhause habe sie zufällig im Internet entdeckt. Innerhalb einer Woche sei der Entscheid gefallen. «Ich bin eigentlich ein Wandervogel», gesteht sie. «Vielleicht möchte ich mich aufs Alter etwas mehr einnisten.»

«Die Maske, Herr Kaufmann» 38x27 cm, Jahr 2024, Papier, Acryl. Foto: zVgVon der Kosmetik zur Kunst
Kündig ist ausgebildete medizinische Kosmetikerin. Ihre Ausbildung, die sie in Basel gemacht hat, kommt ihr bei der künstlerischen Arbeit zugute: Sie kennt die Anatomie des menschlichen Körpers, den Aufbau der Muskeln und die Proportionen. Das Modellieren von Figuren hat sie sich jedoch weitgehend selbst beigebracht.
Schon als Kind war sie kreativ. Eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule blieb ihr verwehrt, weil ihre Eltern dagegen waren. Dennoch liess sie das künstlerische Schaffen nie los. Lange arbeitete sie mit Ton, bis sie nach einem anderen Material suchte. Der entscheidende Impuls, die Arbeit mit Pulp zu intensivieren, kam vor rund acht Jahren in ihrem damaligen Kosmetikgeschäft in Muttenz. Eine Künstlerin stellte dort ihre Pulp-Arbeiten aus. Kündig war fasziniert und intensivierte daraufhin ihre Arbeit mit Pulp, befasste sich eingehend mit der Herstellung der Papiermasse und begann zu experimentieren.
Das Ausgangsrezept ist simpel: Zeitungspapier wird in Wasser eingeweicht, püriert und anschliessend vom Wasser getrennt. Dann wird der Masse Kleister beigemischt. Kündig ging jedoch einen Schritt weiter. Sie experimentierte mit der Konsistenz und pürierte die Masse immer feiner. Heute kann sie mit ihrem Pulp sehr filigran arbeiten.
Doch das Material hat seinen eigenen Kopf. «Pulp ist eine kleine Diva», sagt Kündig schmunzelnd. Eine Nase könne plötzlich schief werden, die Lippen verschwinden. Erst beim Trocknen zeigt sich, wie die Figur tatsächlich geworden ist.

Klein, aber fein – die Künstlerin am Eingang ihres Ateliers Ave-Pulpart. Foto: Sonja FaslerDie Figur bestimmt den Weg
Fast alle ihre Arbeiten zeigen Menschen. Doch wenn Kündig mit dem Modellieren beginnt, weiss sie selbst oft noch nicht, was am Ende entstehen wird. «Wenn ich eine Figur forme, weiss ich noch nicht einmal, ob es eine Frau oder ein Mann wird.» Sie lasse sich vom Material leiten. Auch die Bemalung ist Teil dieses Prozesses. Die Künstlerin bemalt ihre Skulpturen nicht deckend, sondern arbeitet mit Lasuren, die den Figuren Tiefe und Ausdruck verleihen. Besonders wichtig sind ihr die Augen und der Blick. Aber erst, wenn die Figur getrocknet ist, weiss sie, wie sie weiterarbeiten möchte. Das kann Wochen dauern – manchmal sogar Monate. Eine Figur stand zwei Jahre in ihrem Atelier, bevor Kündig eines Morgens wusste, wie sie aussehen sollte. «Es ist ein Prozess», sagt sie. Deshalb könne sie auch nicht einfach aufs Mal 20 Köpfe für eine Ausstellung produzieren.
Inhaltlich interessiert sie das Menschsein. Psychologie fasziniert sie, ebenso die Frage, was Menschen beschäftigt und welche Lasten sie mit sich tragen. Für Ausstellungen entstehen deshalb auch bewusst unbequeme oder morbide Figuren. Kündig thematisiert Unzufriedenheit, Frustration, schwierige Beziehungen, das Gefühl, im Hamsterrad festzustecken, oder belastende Erfahrungen aus der Kindheit. Sie möchte die Betrachter dazu bringen, innezuhalten und sich selbst zu hinterfragen: Wer bin ich? Was will ich? «Im Alltag sind wir sehr oberflächlich und werden ständig abgelenkt», sagt sie. Ihre Kunst soll ein wenig aufrütteln.

«Die verkaufte Schweiz» 20x30 cm, Jahr 2025, Papier, Acryl und Lichtinstallation. Foto: zVgKreativität ohne Leistungsdruck
Diese Haltung prägt auch ihre Kurse. Seit sechs Jahren gibt Kündig regelmässig Workshops in ihrem Atelier und an freien Kunstakademien in der Schweiz und Deutschland. Dabei geht es nicht nur um die Herstellung von Pulp und das Formen von Objekten. Die Teilnehmer sollen ausprobieren, experimentieren und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln. Viele beginnen mit einfachen Gegenständen wie Vasen, weil sie glauben, einen Kopf könnten sie niemals formen. Kündig ermutigt sie, es trotzdem zu versuchen. «Macht Fehler», lautet ihre Devise. Nicht alles müsse perfekt sein.
Manchmal entwickelten sich die Kurse beinahe zu einer Therapie, erzählt sie. Viele Menschen hätten grosse Selbstzweifel. Kündig vermutet, dass dies auch mit einem Schulsystem zusammenhängt, in dem ständig bewertet wird. In ihren Kursen gebe es dagegen kein Richtig oder Falsch. Besonders bei Kindern beobachtet sie, wie unbefangen Kreativität funktionieren kann. Kinder gingen viel offener an eine Aufgabe heran und hätten weniger Angst davor, dass etwas nicht perfekt werde.
Ihre Kurse ziehen inzwischen Menschen aus der ganzen Schweiz und insbesondere aus Deutschland an. Eine Teilnehmerin nahm sogar eine sechsstündige Anreise auf sich. Auch auf ihrem YouTube-Kanal ist das Interesse gross. Rund 150 Videos hat Kündig inzwischen veröffentlicht. Die überwiegende Mehrheit ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer kommt aus Deutschland. Künftig möchte sie deshalb noch stärker dort tätig werden. Eine Art Deutschland-Tour schwebt ihr vor: Drei Monate unterwegs, von Ort zu Ort, um Workshops anzubieten – mit Start in Freiburg möglicherweise bis nach Hamburg oder Kiel.

Ein neues Kapitel in Densbüren
Auch in Densbüren möchte Kündig ihre Arbeit weiter ausbauen. Die ländliche Umgebung gefällt ihr. Bei einem kürzlich durchgeführten Wochenkurs mit offenem Atelier habe sie erlebt, wie gross das Interesse vor Ort sei. «Hier ist eine andere Dynamik», sagt sie. Am 17. Oktober wird sie am Densbürer Herbstmarkt teilnehmen. Dort möchte sie vor allem die Menschen aus der Region kennenlernen. Für den Markt fertigt sie eigens kleinere Objekte wie Vasen an. Ansonsten sind Märkte nicht ihr bevorzugter Verkaufsort. Ihre Kunst verkauft sie vor allem über ihre Website und ihren YouTube-Kanal, häufig ins Ausland.
Auch Ausstellungen gehören weiterhin zu ihrem Leben. Obwohl sie für dieses Jahr eigentlich nichts geplant hatte, ist ihre Arbeit bereits mehrfach gezeigt worden. Aktuell ist eine Ausstellung in Basel zu sehen, im November folgt eine Gruppenausstellung in Reinach BL. Für das kommende Jahr stehen weitere internationale Projekte im Raum.

«Gerlinde» 20x30 cm, Jahr 2025, Papier, Acryl. Foto: zVgMillionen Ideen und doch kein Plan
Dass Kündig inzwischen in Densbüren lebt, bedeutet für sie nicht, dass sie komplett sesshaft geworden ist. Zu gross ist ihre Neugier auf neue Orte und neue Ideen. Gleichzeitig scheint das kleine Haus genau das zu bieten, was sie gesucht hat: Platz für ihr Leben und ihre Kunst – und vor allem Ruhe zum Arbeiten.
Kündig bezeichnet sich selbst als «völlige Chaotin». Sie habe manchmal eine Million Ideen und dann wieder gar keine. Auch bei ihren aktuellen Projekten kann sich während der Arbeit alles verändern. An der Fassade ihres Ateliers entsteht derzeit eine ungewöhnliche Figurenkonstellation: Eine grosse, etwas morbide Figur steht am Boden, während kleine Wesen die Fassade entlang auf sie zulaufen. Sie sollen Froschfüsse und Fischflossen bekommen. Die grosse Figur wiederum erhält zur Milderung ihres unheimlichen Charakters «Tigerfinkli». So treffen bei Eva Christina Kündig düstere Themen und Humor aufeinander. «Es soll ein bisschen aufrütteln», sagt sie. Und gleichzeitig zum Schmunzeln bringen.
Für die Verwendung im Freien werden die Papierfiguren mit Epoxidharz überzogen. Aus Zeitungspapier wird so etwas Dauerhaftes. Eine schöne Metamorphose – ganz im Sinne der Künstlerin. Neben ihren Skulpturen hat Kündig bereits zwei Bücher im Eigenverlag veröffentlicht: eines über ihre Kunst und eines über figürliches Gestalten. Ein weiteres Buch ist in Arbeit, ebenso ein weiteres Kunstbuch über ihre Arbeit und ihr Leben.
Und damit sind wir wieder beim scheinbaren Widerspruch: Kündig sagt von sich, sie habe nie einen Plan gehabt. Trotzdem entstehen laufend neue Projekte. «Im Alltag ergeben sich solche Pläne halt trotzdem», sagt sie lachend. Vielleicht ist genau das ihr Prinzip: anfangen, ausprobieren, Fehler zulassen – und schauen, wohin einen das Material führt. Selbst wenn es sich dabei um eine kleine Diva namens Pulp handelt.

www.ave-pulpart.com

Bilder:
Bild 1: «Ich lasse mich vom Material leiten». Eva Christina Kündig beim Modellieren in ihrem Atelier. Foto: Sonja Fasler
Bild 2: «Labella» 35x25 cm, Jahr 2026, Papier, Acryl und Metallkäfig. Foto: zVg
Bild 3: «Die Maske, Herr Kaufmann» 38x27 cm, Jahr 2024, Papier, Acryl. Foto: zVg
Bild 4: Klein, aber fein – die Künstlerin am Eingang ihres Ateliers Ave-Pulpart. Foto: Sonja Fasler
Bild 5: «Die verkaufte Schweiz» 20x30 cm, Jahr 2025, Papier, Acryl und Lichtinstallation. Foto: zVg
Bild 6: «Gerlinde» 20x30 cm, Jahr 2025, Papier, Acryl. Foto: zVg