Adrian Mahrer, 60, und Albert Merkofer, 57, sind im Fricktal zu Hause, doch ihre Abenteuerlust und ihre Neugier zogen sie weit weg und hoch hinaus – auf den höchsten Berg Afrikas: den Kilimandscharo. fricktal.info hat die Bergsteiger getroffen, um alles über ihr Abenteuer in schwindelerregender Höhe zu erfahren.
LILIA STAIGER
Im November letzten Jahres packte Adrian Mahrer ein Gedanke, der ihn nicht mehr losliess: Er wollte einen Berg erklimmen, der höher als 4700 m ist – etwa so hoch ist die Dufourspitze, der höchste Berg der Schweiz. Denn zu dem Zeitpunkt hatte er bereits seit 30 Jahren Bergbesteigungen in der gesamten Schweiz unternommen, insbesondere Skitouren: «Skitouren haben den Vorteil, dass man wieder hinunterfahren kann», erklärt Mahrer und lacht.
Training ist alles
Schnell fiel der Entschluss, dass es der Kilimandscharo werden soll – zugleich der höchste freistehende Berg der Erde. Sein höchster Gipfel ist der Kibo mit 5895 m ü.M.
Adrian Mahrer suchte schliesslich jemanden, der sein Projekt mit ihm in Angriff nehmen wollte. Sein guter Freund Albert Merkofer erklärte sich bereit, das Abenteuer zu wagen, und so hiess es fortan trainieren, trainieren, trainieren. Adrian Mahrer erstellte im Januar ein Programm, mit dem sich die beiden bis Ende September auf die grosse Bergbesteigung vorbereiteten. Merkofer machte unter anderem beim Rigimarsch 2024 mit, Mahrer unternahm Skitouren auf den Säntis sowie auf viele weitere hohe Berge der Schweiz.
«Worauf man sich nicht vorbereiten kann, ist, wie der Körper auf 5000 und auf 6000 m reagiert und ob man die Höhenkrankheit bekommt. Denn wenn einen schon auf 4700 m Höhe das Kopfweh packt, muss man in der Regel aufgeben».
Reise rundum organisiert
Die komplette Reise zum Kilimandscharo wurde von einem Schweizer Reiseveranstalter organisiert. «Meistens wird ein Gesamtpaket, bestehend aus der Kilimandscharo-Besteigung, einer Safari-Tour und Badeferien, gebucht. Wir wollten aber statt der Badeferien vorher noch den Mount Meru besteigen, der sogar schöner als der Kilimandscharo ist und eine spannende Tour bietet», erklärt Adrian Mahrer, «dort muss ein bewaffneter Ranger mitkommen, da auf der Mount-Meru-Tour Giraffen, Büffel, Zebras, Antilopen und Paviane angetroffen werden können.» Der Mount Meru ist wie der Kilimandscharo ein Vulkan und wird mit seinen 4555 m Höhe häufig zur Vorbereitung auf die Kilimandscharo-Besteigung genutzt. Die verschiedenen ökologischen Zonen des Mount Meru machen die Tour besonders eindrücklich.
Die Kilimandscharo-Reise wird vom Veranstalter genauestens geplant. Am 23. September 2024 starteten Adrian Mahrer und Albert Merkofer ihr Abenteuer mit dem Flug ab Zürich, und 11 Tage später würden sie auf dem Gipfel des Kilimandscharo stehen – sollte ihnen alles glücken.
Mit Küchenmannschaft auf den Berg
Nach der erfolgreichen Besteigung des Mount Meru, von dem aus sie eine herrliche Sicht auf den Kilimandscharo geniessen konnten, begann am 30. September die grosse Kilimandscharo-Tour über die Marangu-Route. Auf eigene Faust kann der Kilimandscharo nicht bestiegen werden. «Für unsere Gruppe von 10 Personen kamen 30 Einheimische mit», erzählt Mahrer, «es waren erfahrene Bergführer dabei, ausserdem hatte jeder Teilnehmer einen persönlichen Träger, und eine ganze Küchenmannschaft kam ebenfalls mit, die in den Hütten frisch für uns kochte. Das hat uns schon beeindruckt, und das Essen war immer tipptopp». In der Region des Kilimandscharo leben die Einheimischen vom Bergtourismus; insbesondere junge Männer sind hauptsächlich bei den Touren beschäftigt. «Man wird von den Einheimischen sehr herzlich empfangen und sie geben sich die grösste Mühe, dieses Erlebnis für die Touristen unvergesslich zu machen, natürlich auch, damit die Teilnehmer davon erzählen und wieder neue Bergtouristen zum Kilimandscharo kommen», berichtet Albert Merkofer.
23 Kilo Trägergepäck
Die Bergsteiger müssen so einiges an Gepäck und Ausrüstung mitnehmen: «Am ersten Tag liefen wir in kurzen Hosen und zum Gipfel dann in warmer Winterbekleidung und dicken Bergstiefeln», fügt Albert Merkofer an, «insgesamt werden 18 kg Gepäck pro Person an die Träger (Porter) abgegeben, und diese nehmen zudem weitere 5 kg mit. Jeder Bergsteiger hat ausserdem seinen Tagesrucksack mit Reservekleidern, Regenschutz, Getränken und Essen dabei, der ca. 8 bis 9 kg wiegt.
Die ersten Etappen auf 3780 Meter über Meer
Die erste Etappe führte die beiden Fricktaler durch den Regenwald, einen richtigen Urwald. Am zweiten Tag ging es dann von den Mandara-Hütten auf 2720 m zu den Horombo-Hütten auf 3780 m. Dabei legten sie 12,5 km in zirka 6 Stunden reiner Laufzeit zurück. Adrian Mahrer und Albert Merkofer durchschritten die alpine Savanne mit hochmoorähnlichen Gebieten. Der Kilimandscharogipfel kam ihnen dabei näher und zeigte sich, meist morgens und vor dem Sonnenuntergang, in seiner ganzen Pracht.
«Pole, pole» – «Langsam, langsam»
Beim Bergsteigen gehe es nicht um Distanz, die zurückgelegt wird, sondern um Höhenmeter, erklären die beiden begeisterten Bergsteiger. «Das Erste, was wir von den afrikanischen Bergführern gelernt haben, war, langsam zu laufen», berichtet Albert Merkofer, «pole, pole, sagten sie immer. Doch langsam laufen ist schwierig; das waren wir so nicht gewöhnt.» Das langsame Laufen sei wichtig, um seine Kräfte zu schonen und vor allem, damit sich der Körper langsam an die Höhe gewöhnt. Natürlich darf man auch nicht vergessen, viel zu trinken.
Schlaflos auf 4700 Metern Höhe
Nach einem Akklimatisierungstag, an dem die zwei Männer und ihre Gruppe Kräfte tanken konnten, ging es am 3. Oktober zu den Kibo-Hütten hoch auf 4750 m ü.M. – höher als die Dufourspitze. Sie liefen durch die karge Mondlandschaft, langsame 2 km pro Stunde. Essen und schlafen ist in dieser Höhe für die meisten Menschen eine körperliche Herausforderung, Erbrechen und Appetitlosigkeit sind nicht selten. Doch Adrian Mahrer und Albert Merkofer schaffen es, etwas zu essen. Doch schlafen wird problematisch: Durch den tiefen Sauerstoffdruck schlägt das Herz deutlich schneller und pumpt mehr, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen.
Panik und Freude am Gipfeltag
Kurz bevor die Gipfeletappe beginnt, schwächelt Albert Merkofers Körper: «Ich kämpfte mit einer Erkältung und hatte Angst, dass es das gewesen ist für mich, denn ich fühlte mich kraftlos», erinnert er sich. Doch er kann nochmals seine Kräfte sammeln, bevor die Gruppe um 1 Uhr in der Nacht mit Stirnlampen losläuft. «Am Gipfeltag muss man den inneren Schweinehund überwinden», erklärt Adrian Mahrer, «man ist permanent mit seinem Körper am Kämpfen. Auch ich hatte meine Zweifel und Respekt vor der letzten Etappe, denn mir ging es bis dahin immer sehr gut und ich dachte: Das kann doch nicht sein! Vielleicht wird es auch dich packen.»
«Auf 5700 m läuft man 10 m und kann schon nicht mehr; und ich wollte einfach nicht mehr», berichtet Albert Merkofer. Schliesslich erreichen die beiden Freunde den Gilman’s Point auf 5685 m, und ab diesem gilt der Kilimandscharo als bestiegen. «Dort angekommen, schüttelt es dich. Es ist unbeschreiblich emotional, es kommen einem die Tränen», erinnert sich Adrian Mahrer. Die allerletzte Etappe führt die beiden zum Uhuru-Peak auf 5895 m. «Die 30 m hohen Gletscher auf dem Gipfel sind unheimlich beeindruckend, und der Sonnenaufgang bei –15 Grad ist einmalig schön. Dort oben hat man eine unglaubliche Weitsicht», schwärmt Albert Merkofer, «man ist als Abenteurer hoch- und in Demut hinuntergegangen. Der Berg wird dir nicht geschenkt.» «So etwas macht man in der Regel einmal im Leben, und man will alles daransetzen, dass es klappt. Und wenn man es dann geschafft hat – das ist einfach das Grösste», ergänzt Adrian Mahrer.