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Petra Baltischwiler freut sich auf das erste Erzählcafé am 26. August. Sie hat eigens in der Brockenstube ein paar Utensilien erstanden, um den Erinnerungen der Teilnehmenden auf die Sprünge zu helfen. Foto: Sonja Fasler
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Erinnerungen statt Einsamkeit – Ab Ende August lanciert die Pro Senectute in Frick ein Erzählcafé mit Petra Baltischwiler

Am 26. August um 14 Uhr findet in der Beratungsstelle der Pro Senecute in Frick das erste Erzählcafé statt. Petra Baltischwiler aus Gipf-Oberfrick wird den Anlass moderieren. Sie hofft, viele Menschen ab 60 Jahren damit anzusprechen und brennt darauf, ihre Fachkenntnisse einfliessen lassen zu können.

SONJA FASLER

«Weisch no?» Es ist eine einfache Frage, die Erinnerungen weckt. Plötzlich tauchen Bilder aus der Kindheit auf: das Spielen auf der Strasse, der erste Schultag, der Duft frisch gebackenen Brotes oder das alte Passe-vite in Grossmutters Küche. Genau solche Erinnerungen sollen künftig im Erzählcafé der Pro Senectute Bezirk Laufenburg Platz finden. Dahinter steht Petra Baltischwiler – eine Frau, die Menschen seit vielen Jahren an den wichtigsten Wendepunkten ihres Lebens begleitet. Sie gestaltet freie Hochzeiten, führt Trauerzeremonien durch, bildet sich laufend weiter und übernimmt nun auch die Moderation eines Angebots, das ältere Menschen zusammenbringen und der zunehmenden Einsamkeit im Alter entgegenwirken soll.

Es begann mit Hochzeitszeremonien
Wer Petra Baltischwiler begegnet, merkt schnell, dass sie ein Mensch ist, der Ideen nicht lange ruhen lässt. Hauptberuflich arbeitet sie in einem 50-Prozent-Pensum auf der Ge-meindeverwaltung Gipf-Oberfrick. Gleichzeitig gestaltet die 53-Jährige, die in Wölflinswil aufgewachsen ist und heute mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Gipf-Oberfrick lebt, freie Trauungen und Abschiedsfeiern. Bald schliesst sie die Ausbildung zur Trauerbegleiterin ab.
Den Grundstein für ihre Tätigkeit legte Petra Baltischwiler während ihrer Zeit auf dem Zivilstandsamt Laufenburg, wo sie bis 2016 gearbeitet hat. Dort führte sie während vieler Jahre unzählige Ziviltrauungen durch. Als sie die Stelle verliess, schien dieses Kapitel eigentlich abgeschlossen. Doch schon bald fragte sie ein Paar an, ob sie dessen Hochzeit auf dem Hallwilersee gestalten würde. «Erst wollte ich absagen, weil ich als ehemalige Zivilstandsbeamtin keine rechtsgültigen Trauungen mehr durchführen durfte», sagt sie.
Doch als freie Rednerin eine Zeremonie zu gestalten, konnte ihr niemand verwehren. Sie liess sich darauf ein, und es wurde ein so tolles Erlebnis, dass sie beschloss, eine Ausbildung zur freien Rednerin zu machen. Heute gestaltet sie jährlich drei bis fünf Hochzeiten. Anders als bei einer Ziviltrauung steht dabei nicht das Gesetz im Mittelpunkt, sondern die Geschichte zweier Menschen. «Auf dem Zivilstandsamt war vieles genau geregelt. Freie Gestaltung war kaum möglich. Heute kann ich ganz individuell auf ein Paar eingehen. Genau das gefällt mir.»

Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleiten
Wenig später kamen auch Trauerzeremonien dazu. Der Wunsch, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu begleiten, war schon länger da. Den entscheidenden Anstoss gab jedoch ein persönlicher Schicksalsschlag. Vor vier Jahren starb ihre Schwester. Petra Baltischwiler hatte für die Abdankung einen Text geschrieben, den eigentlich der Pfarrer hätte vorlesen sollen. «Plötzlich dachte ich: Wenn er den Text nicht genau so liest, wie ich ihn geschrieben habe, stimmt es für mich nicht.» Gemeinsam mit ihrem Bruder entschloss sie sich, die Rede selbst zu halten. «Ich war überhaupt nicht nervös. Das hat mich selbst überrascht. Danach wusste ich: Wenn ich das bei meiner eigenen Schwester kann, dann kann ich auch andere Familien begleiten.» Heute gestaltet sie jedes Jahr rund drei bis fünf Hochzeiten und etwa zehn Abschiedsfeiern. Jede Rede entsteht nach ausführlichen Gesprächen mit den Angehörigen. «Manchmal gehen diese Gespräche sehr zu Herzen. Es kommt mir oft so vor, als hätte ich den verstorbenen Menschen selbst gekannt. Bis zur Beerdigung habe ich mich so intensiv mit seinem Leben beschäftigt, dass ich vieles bereits beim Schreiben der Rede verarbeiten kann.»
Gerade diese Begegnungen brachten sie schliesslich auf eine neue Idee. Immer wieder stellte sie fest, dass Menschen nach einer Abdankung das Bedürfnis hatten, weiterzuerzählen. Nicht nur über den verstorbenen Menschen, sondern auch über ihr eigenes Leben. «Das Fricktal ist klein. Ich begegne den Angehörigen später oft wieder. Und fast jedes Mal erzählen sie weiter. Da wurde mir bewusst, wie gross das Bedürfnis ist, Erinnerungen miteinander zu teilen.» Eigentlich wollte sie deshalb zunächst ein Trauercafé ins Leben rufen. Auf der Suche nach einer passenden Weiterbildung stiess sie jedoch auf ein Fachseminar der Fachhochschule Nordwestschweiz zum professionellen Moderieren von Erzählcafés. «Der Ablauf ist ähnlich wie bei einem Trauercafé. Es geht darum, Menschen ins Gespräch zu bringen und ihnen aufmerksam zuzuhören. Nur die Themen sind andere.»

Gegenstände helfen, Erinnerungen wachzurufen
Das Seminar begeisterte sie. Besonders beeindruckt habe sie die Dozentin Prof. Johanna Kohn, die das Seminar zum letzten Mal leitete. Nach Abschluss der Ausbildung begann Petra Baltischwiler nach einer Möglichkeit zu suchen, das Gelernte umzusetzen. Zunächst dachte sie an ein Altersheim. «Dort leben viele Menschen mit einem reichen Erfahrungsschatz. Gleichzeitig gibt es aber Herausforderungen wie Demenz, Hörprobleme oder sprachliche Einschränkungen. Für den Einstieg erschien mir das noch etwas zu anspruchsvoll.» Also kam ihr die Pro Senectute in den Sinn. Dass daraus tatsächlich ein gemeinsames Projekt entstand, war letztlich dem Zufall zu verdanken. «Ich hatte einen ganz anderen Termin im gleichen Gebäude und traf dort zufällig Eveline Dillinger, die Leiterin der Pro Senectute Bezirk Laufenburg. Ich erzählte ihr von meiner Ausbildung, und sie sagte mir, dass sie gerade darüber nachgedacht habe, selbst ein Erzählcafé aufzubauen. Das hat einfach perfekt zusammengepasst.»

In den Räumen der Pro Senecute
Seither übernimmt die Pro Senectute die Organisation, stellt die Räume zur Verfügung und kümmert sich um Ausschreibung und Werbung. Die Moderation liegt ganz in den Händen von Petra Baltischwiler. «Das kommt mir sehr entgegen. So kann ich mich voll auf die Gespräche konzentrieren.»
Der erste Anlass steht unter dem Titel «Weisch no?». Ein bewusst einfach gewähltes Thema. «Ich möchte einen Rahmen vorgeben, aber niemandem vorschreiben, worüber er erzählen soll», betont sie. Kindheit, Schule, Familienleben, Dorfgeschichten, Handwerk oder technische Entwicklungen – alles darf zur Sprache kommen. Als kleine Gedankenstütze bringt sie Gegenstände aus vergangenen Zeiten mit: ein altes Bügeleisen, einen Holzhobel oder ein Passe-vite aus dem Brockenhaus. «Oft reicht schon ein solcher Gegenstand, damit plötzlich Erinnerungen auftauchen.»

Wenige Regeln
Wichtig ist ihr, dass das Erzählcafé nicht in nostalgisches Klagen abgleitet. «Natürlich darf man sagen, was früher anders oder vielleicht auch besser war. Aber ich möchte keine Diskussion nach dem Motto ‹Früher war alles besser, heute ist alles schlecht›. Es geht darum, Erinnerungen miteinander zu teilen und voneinander zu lernen.» Moderiert wird deshalb behutsam. Redselige Teilnehmende sollen genügend Raum erhalten, ohne andere zu übertönen. Gleichzeitig möchte sie auch stilleren Menschen Gelegenheit geben, ihre Geschichte zu erzählen. «Es gibt nur wenige Regeln. Man darf erzählen, man darf aber auch einfach zuhören.»
Das eigentliche Erzählcafé dauert rund eine Stunde. Anschliessend bleibt Zeit für Kaffee und weitere Gespräche. «Wenn jemand während der Erzählrunde zu weit abschweift, kann ich sagen: Das ist spannend – lasst uns beim Kaffee weiter darüber sprechen.»

Die Einsamkeit im Alter nimmt zu
Bereits während ihrer Ausbildung organisierte Petra Baltischwiler probeweise ein Erzählcafé. Den Aufruf veröffentlichte sie lediglich in ihrem WhatsApp-Status. Fast 200 Personen sahen ihn – zunächst meldete sich niemand an. «Ich dachte schon, das wird nichts. Gleichzeitig erhielt ich viele Rückmeldungen, wie schön die Idee sei. Also fragte ich einige Leute direkt an. Am Schluss sassen wir zu siebt am Tisch, und es war ein unglaublich schöner Nachmittag.» Ähnliche Erfahrungen hätten auch andere Absolventinnen und Absolventen des Lehrgangs gemacht. «Solche Angebote brauchen Zeit. Man muss sie zuerst bekannt machen.»
Deshalb geht Petra Baltischwiler ohne grosse Erwartungen an den Start. «Natürlich wünsche ich mir eine Gruppe von etwa 15 Personen. Aber ich führe das Erzählcafé auch durch, wenn sich nur zwei Menschen anmelden.» Entscheidend sei nicht die Zahl der Teilnehmenden, sondern die Qualität der Begegnungen. Denn der Hintergrund des neuen Angebots ist ernst. Immer mehr ältere Menschen leben allein. Kinder wohnen weit weg, langjährige Partner sind verstorben, der Freundeskreis wird kleiner. Die Einsamkeit im Alter nimmt zu. «Wenn wir mit dem Erzählcafé erreichen, dass Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen und vielleicht neue Kontakte knüpfen, dann haben wir schon sehr viel erreicht», ist sie überzeugt.

Drei Treffs in Frick sind bisher geplant
Ob das Angebot langfristig Bestand haben wird, weiss heute noch niemand. Zunächst sind drei Nachmittage geplant. Gestartet wird wie erwähnt am 26. August um 14 Uhr mit dem Thema «Weisch no?». Es folgen am 16. Oktober das Thema «Lieblingsplätze» und am 27. November das Thema «Endlich Ruhestand – und jetzt?». Das Erzählcafé ist kostenlos und findet im Kursraum der Beratungsstelle in Frick statt. Findet es Anklang, soll das Erzählcafé weitergeführt werden. Falls nicht, wird Petra Baltischwiler neue Wege suchen. Ideen hat sie genug. Vielleicht entsteht eines Tages doch noch ein Trauercafé. Doch eines nach dem anderen.
Schliesslich hat sie in ihrem bisherigen Leben immer wieder erfahren, dass aus einer guten Idee etwas Wertvolles entstehen kann – manchmal geplant, manchmal durch Zufall. Und manchmal genügt dafür bereits eine einzige Frage: «Weisch no?».

Erzählcafé
Informationen und Anmeldungen bei der Beratungsstelle der Pro Senectute Bezirk Laufenburg, Widengasse 5, 5070 Frick: Tel. 062 871 37 14 (8 bis 11.30 Uhr). www.ag.prosenectute.ch

Bild: Petra Baltischwiler freut sich auf das erste Erzählcafé am 26. August. Sie hat eigens in der Brockenstube ein paar Utensilien erstanden, um den Erinnerungen der Teilnehmenden auf die Sprünge zu helfen. Foto: Sonja Fasler