Eine Woche lang hatten zwei tibetische Mönche im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst an einem Sandmandala gearbeitet. Am Freitag, 6. Februar, stellten sie es fertig – und wischten es in der Schlusszeremonie wieder zusammen. Den Sand streuten sie anschliessend in den Rhein.
ANDREAS FISCHER
Es war ein Kommen und Gehen: Neugierige, Kunstbegeisterte und spirituell Interessierte besuchten das Kirchgemeindehaus während der täglichen Öffnungszeiten, Grosseltern mit ihren Enkelkindern waren da, Schulklassen, eine Gruppe vom Alterszentrum Rinau Park; an einem Nachmittag organisierte die Spitex ein Café. Man schaute, plauderte, postete Fotos und Videos. Mitten im Trubel arbeiteten die Mönche – Abt Kunga Tenzin und Lama Nawang – gelassen und mit ruhiger Hand am Mandala. Zwischendurch tranken sie Tee, beantworteten Fragen, standen auch für Selfies zur Verfügung und machten selbst Fotos. Am Freitagvormittag finalisierten sie ihr Werk.
Am Nachmittag fand dann die Schlusszeremonie statt. Die Stühle im Raum waren schon lange vor Beginn des Anlasses alle besetzt. Man stand hinten oder am Rand, setzte sich auf Meditationskissen rund um den Tisch mit dem Mandala. Dann wurde es ruhig. Der Pianist Daniel Lorenzo spielte meditative Musik, Ortspfarrer Andreas Fischer begrüsste das Publikum und führte ein ins Ritual.
«Mögen alle Wesen glücklich sein»
Er erzählte von einer Frau aus dem Dorf, die von ihrer Enkelin gefragt wurde, was denn nun mit dem Mandala geschehe, wo es fertiggestellt sei. «Die Mönche wischen den Sand wieder zusammen und streuen ihn in den Rhein», antwortete die Oma. Das symbolisiere die Vergänglichkeit. «Ist das dann wie Sterben?», fragte das Kind. «Ja, das ist es», antwortete die Oma. Das gefalle ihm nicht, sagte das Kind, das kürzlich Abschied vom Urgrossvater nehmen musste.
Der tibetische Buddhismus, fuhr Fischer fort, schöpfe aus einer uralten und unermesslich reichen Tradition, von der er selber wenig Ahnung habe. Doch das rührende Gespräch zwischen Grossmutter und Enkelkind zeige, dass es eine Ebene gebe, auf der das, was bei diesem Mandala-Projekt geschieht, unmittelbar verständlich sei: «Es ist die Ebene des einfachen, blossen Menschseins.»
Zu dieser Ebene gehöre die Vergänglichkeit von allem, welche im Zerstören des Sandmandalas symbolisch zum Ausdruck kommt. Zu der Ebene gehöre auch der Gedanke, dass, wenn der Sand dem Fluss übergeben wird, damit die heilende Energie, die im Mandala wohnt, in die Welt hinausgetragen wird. Diesen Wunsch trage auch er als Christenmensch in seinem Herzen: «Der Wunsch gilt allen Wesen, allen Menschenkindern, aber auch allen Tieren, allen Pflanzen, aller Materie.» Ein Ad-hoc-Chor sang darauf das berühmte buddhistische Mantra, das diesen Wunsch zum Ausdruck bringt: «Mögen alle Wesen glücklich sein und frei von Leid.»
Prozession zum Rhein
Cornelia Pereira Notter, Präsidentin des Schulvereins Lo Manthang, welcher das Sandmandala-Projekt organisierte, erzählte von der Klosterschule in Mustang, der die im Verlauf der Woche eingegangenen Spenden zukommen. Das Ziel des in Magden ansässigen gemeinnützigen Vereins sei es, Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen in strukturschwachen, entlegenen Berggebieten Nepals eine schulische Grundausbildung zu ermöglichen.
Pereira Notter und die beiden Mönche erläuterten noch einmal den Grundgedanken des Mandalas: Dass dieses ein Palast für die Gottheit darstellt, welche nun gebeten werde, ihn wieder zu verlassen, bevor das leere Gebäude zerstört wird: «Das Zusammenwischen macht sichtbar, was im Alltag so gern vergessen geht: Alles ist vergänglich, und Loslassen ist ein wichtiger Teil von Heilung.»
Spontan bat Abt Kunga Tenzing um Musik, man sang mit dem ganzen Publikum einen zur Übergabe des Sands in den Rhein passenden Chant: «The River is flowing back to the Sea.» Dann fingen die Mönche mit ihren tiefen, obertonreichen Stimmen an, tibetische Mantren zu rezitieren. Bevor das Mandala zusammengewischt wurde, lud der Abt mit breitem Grinsen zum Fotoshooting ein. Smartphones wurden gezückt, alles drängte sich ums Mandala. Es dauerte eine geschlagene Viertelstunde, bis die Mönche endlich anfingen, die «Säulen» des dreidimensional vorgestellten Mandalas zum Einsturz zu bringen. In wenigen Minuten war das Werk zusammengewischt, der Sand in einer Schale gesammelt, die Prozession zum Rhein begann.
Ein Autogramm von Shaqiri
Im Schwimmbad traten die beiden mit der Schale auf den Steg und streuten von dort, wieder fotografiert und gefilmt von vielen Handys, den Sand in den Rhein. «That’s it, have a good day», rief der Abt zum Abschied.
Auf dem Rückweg wurde der junge Lama gefragt, ob er eigentlich so etwas wie Trauer empfinde, wenn das Werk, an dem er so lang und konzentriert gearbeitet hatte, im Nu wieder weg sei. Er habe keine Anhaftungen, sagte er und wechselte dann das Thema: Er sei begeisterter Fussballer, gehöre zum Team seines Klosters, das gegen andere Klostermannschaften spiele; jedes Wochenende werde gespielt. Er interessiere sich auch für internationalen Fussball, kenne alle bekannten Schweizer Spieler, Yann Sommer, Manuel Akanji, Granit Xhaka, Sherdan Shaqiri, von dem er gehört habe, dass er in Kaiseraugst wohnt. Wenn er wieder in die Schweiz komme, um ein Mandala zu streuen, werde er ihn um ein Autogramm bitten.