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Willy Burkhalter empfing William, Michelle und Larry Rebman, Ursula Rehmann und Urs Müller (v.l.); Foto: Michael Gottstein
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Herzlicher Empfang für eine amerikanische Familie in Kaisten, dem Heimatdorf ihrer Vorfahren

Die Ahnenforschung hat sie zusammengeführt: Am Wochenende besuchten die US-Amerikaner Larry, Michelle und William Rebman die Gemeinde Kaisten, um sich mit den Nachfahren von Lorenz Rebmann und Innozenz Rehmann zu treffen. Die Familie wird sicherlich mit positiven Eindrücken vom Land ihrer Vorfahren in die Neue Welt zurückkehren.

MICHAEL GOTTSTEIN

Für viele Menschen, vor allem für diejenigen, die von aussen auf die Schweiz blicken und eine Insel des Wohlstandes und der Sicherheit sehen, ist es schwer vorstellbar, dass die Eidgenossenschaft einst ein armes Land war, das unterprivilegierten Menschen wenig Chancen bot. Im 18. und 19. Jahrhundert verliessen schätzungsweise 400'000 Menschen das Land. Von der Gemeinde Kaisten weiss man es recht genau: Im Jahre 1852 verliessen 110 Personen die Gemeinde Richtung Amerika, und ein Jahr später wurden sechs Familien und eine Einzelperson «ausgesteuert». In den Akten wurde vermerkt, dass sie «kein Vermögen besitzen und der Gemeinde zur Last zu fallen drohen» und auch «wenig Aussichten auf ein günstiges Fortkommen haben». Es war also nicht frei von Eigennutz, dass die Gemeinde den Menschen bei der Auswanderung behilflich war. Unter den Emigranten waren Nachkommen von Lorenz Rebmann (1756 bis 1844) und Innozenz Rehmann (1749 bis 1810), genauer: Caspar Rebmann (1804 bis 1864) und seine Ehefrau Maria Ursula Rebmann-Rehmann (1799 bis 1870) sowie vier ihrer fünf Kinder. Sie betraten am 25. Januar 1854 amerikanischen Boden in New Orleans (der älteste Sohn kam später nach).

Schnelle Integration in die neue Heimat

Schnell identifizierten sie sich mit ihrer neuen Heimat und «blühten auf», wie es Larry Rebman formulierte. Eine legendäre Gestalt war der Auswanderer-Sohn Fridolin (1835 bis 1900), der sich, zusammen mit zwei Brüdern, nur wenige Jahre nach seiner Ankunft in den USA im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) der Bundesarmee des Nordens anschloss, um gegen Sklaverei und für die Einheit des Landes zu kämpfen. Er nannte sich fortan «Frederick Rebman» – er ist ein Vorfahre Larry Rebmans. Die vielen Nachkommen der ersten Einwanderer zogen weiter und liessen sich zum Beispiel in St. Louis, Kansas City und verschiedenen Staaten von Ohio bis nach Kalifornien und Hawaii nieder, doch je mehr sich die Familie verzweigte, desto lockerer wurde der Kontakt zwischen den Verwandten und brach häufig ab.

Der Ahnenforscher Dave Kaiser

Dave Kaiser ist ein direkter Nachfahre von Caspar Rebmann und Maria Ursula Rebmann-Rehmann sowie ein Cousin zweiten Grades zu Larry Rebman. Basierend auf den Arbeiten seiner Grossmutter, hatte er einen Stammbaum angelegt. Im Jahre 2020 nahm er Kontakt zur Gemeindekanzlei Kaisten auf, um mehr über die Familie zu erfahren. Diese wandte sich an Urs Müller, der sich seit 40 Jahren mit Lokalgeschichte befasst und 1979 den «Kaister Rückspiegel» initiiert hatte. Zusammen mit Dave Kaiser verfasste er einen Artikel über die Auswandererfamillie Rebmann-Rehmann, der 2021 im «Rückspiegel» erschien. Dabei entstand auch der Kontakt zu Larry Rebman. Dieser erkundigte sich vor fünf Wochen bei Urs Müller, ob er Lust auf ein gemeinsames Bier in Kaisten hätte. Doch dabei wollte man es nicht bewenden lassen, und so stellte er mit der Kaister Ahnenforscherin Ursula Rehmann ein Programm zusammen, in dessen Mittelpunkt ein Familientreffen mit Nachkommen der Eltern der Auswandererfamilie Rebmann-Rehmann stand.

Der Besuch in Kaisten

Das Ehepaar Rebman(n) mit ihrem Sohn (zweite Reihe von hinten) beim Treffen im «Warteck». Die Nachfahren von Kaspar und Maria Ursula Rebmann-Rehmann haben noch viele Cousins und Cousinen in Kaisten; Foto: Urs MüllerAm Sonntag trafen Larry (58 Jahre), seine Ehefrau Michelle (58) und ihr Sohn William (20) Rebmann aus Kansas City in Kaisten ein – es war ihr erster Besuch im Lande ihrer Ahnen. Larry Rebman ist Rechtsanwalt, seine Ehefrau unterrichtet Kriminalrecht an einer Universität, und William studiert «International Business» in Madrid; der andere Sohn George (21) studiert Journalismus und Ökonomie in London. Zum Familientreffen waren spontan etwa zwei Dutzend Nachfahren der Eltern des Auswandererpaares Reb- und Rehmann erschienen. «Es war ein wunderschöner Abend», berichtet Urs Müller, der sich um die Betreuung der Gäste kümmerte. Am Montag standen ein Rundgang durch das Dorf, der Besuch des Archivs der Kirchgemeinde und der politischen Gemeinde sowie ein kleiner Empfang im Gemeindehaus auf dem Programm. Nachmittags besuchten die Amerikaner die «ältesten Fricktaler» im Sauriermuseum und wanderten über die Holzbrücke nach Bad Säckingen zum St.-Fridolins-Münsters. Am Dienstag reiste die Familie für eine Woche durch die Schweiz und weiter nach London.

Der Eindruck der Gäste

Am Montag hiess Kaistens Vizeammann Willy Burkhalter die Gäste auf Englisch willkommen und stellte die Gemeinde vor. «It is nice, a beautiful place», meinte Michelle Rebman, und auf die Frage, ob die Schweiz ihren Erwartungen entspreche, meinte die Rebmans: «No, better than expected.» Da die Familie viel gereist war (vor allem William hatte schon zahlreiche Länder in Europa besucht), war sie mit dem «alten Kontinent» vertraut und hatte nicht jene Klischees im Hinterkopf, die der Schweiz manchmal anhaften: Sie erwarteten also keine rustikale Alpenlandschaft mit Heidi-Romantik. «Beim Stichwort Schweiz kamen uns Werte wie Effizienz und Ingenieurskunst in den Sinn, wir wussten, dass sie ein modernes und technisiertes Land ist», so die Rebmans. Vom Dorf ihrer Vorfahren waren sie sehr angetan, vor allem von der Gastfreundschaft und Offenheit, mit der sie empfangen wurden.

Integration bis zur Assimilation

Generell identifizierten sich viele Amerikaner mit dem Erbe ihrer Vorfahren, erklärten die Besucher. Michelle Rebman etwa hat irische Wurzeln, und in Kansas City gibt es eine irische Gemeinschaft, die ihr Erbe selbstbewusst zeigt. Bei den Nachfahren der deutschen und Schweizer Auswanderer sieht es etwas anders aus: Zwar hatte die deutsche Kultur bis zum frühen 20. Jahrhundert einen prägenden Einfluss auf die USA, aber wegen der Kriege mit dem Wilhelminischen Kaiserreich und vor allem mit dem Nazi-Regime liefen deutschstämmige Amerikaner Gefahr, der mangelnden Loyalität zu den USA bezichtigt zu werden. Viele assimilierten sich daher vollkommen an ihre englischsprachige Umgebung. «In der Schule meines Grossvaters wurde noch zur Hälfte auf Englisch, zur Hälfte auf Deutsch unterrichtet, und in seinem Elternhaus sprach man Deutsch», berichtet Larry Rebman.

Die deutsche Sprache mag im Laufe der Jahrzehnte ebenso wie das zweite «n» im Nachman verloren gegangen sein, aber das Interesse an der Heimat der Vorfahren blieb lebendig und wurde beim Besuch in Kaisten nicht enttäuscht. Ein angenehmer Nebeneffekt der Ahnenforschung ist, dass die Mitglieder der weitverzweigten Familie begonnen haben, wieder stärker miteinander in Kontakt zu treten, wenigstens über soziale Medien.

Bild 1: Willy Burkhalter empfing William, Michelle und Larry Rebman, Ursula Rehmann und Urs Müller (v.l.); Foto: Michael Gottstein
Bild 2: Das Ehepaar Rebman(n) mit ihrem Sohn (zweite Reihe von hinten) beim Treffen im «Warteck». Die Nachfahren von Kaspar und Maria Ursula Rebmann-Rehmann haben noch viele Cousins und Cousinen in Kaisten; Foto: Urs Müller