(pd) Im Vorfeld einer Wohnüberbauung untersuchte die Kantonsarchäologie eine archäologische Verdachtsfläche in Wil. Hier wurde schon zu Zeiten der Römer Tuff abgebaut.
Auf einem rund 2600 Quadratmeter grossen Areal entsteht im Weiler «Steinhof» in Wil im Mettauertal eine neue Überbauung mit zwei unterkellerten Mehrfamilienhäusern. Weil der Bauplatz in einer archäologischen Verdachtslage in einem historischen Ortskern lag und zudem auf einem gegen Süden ausladenden Schuttfächer eines Baches, begleitet die Kantonsarchäologie Aargau seit Ende Juni 2026 die Aushubarbeiten.
Eigenartige Tuffsteinbänke
Nach dem Abhumusieren des Geländes zeigte sich eine spätmittelalterliche Kultur- und Brandschicht zusammen mit eigenartigen Tuffsteinbänken. Überraschend kamen beim weiteren Freilegen Überreste von älteren Holzgebäuden in Pfostenbauweise zum Vorschein, in Form von zahlreichen grossen Pfostengruben mit bis zu 50 Zentimetern Durchmesser. Diese gehörten zu einem oder zwei Pfostenbauten mit einem Innengerüst von 6 x 7 Metern. Eine Feuerstelle, zahlreiche Tierknochen sowie etwas römische Keramik des 1. Jahrhunderts n. Chr. datieren das einfache Fachwerkgebäude in römische Zeit. Ein Brand muss dieses zerstört haben, wie zahlreiche verziegelte Lehmbrocken mit Rutennegativen belegen. Im Steinbruchgelände unmittelbar hinter dem römischen Gebäude beobachteten die Ausgräber mit Steinschutt verfüllte Tuffabbaustellen. Diese belegen, dass dieser poröse, gelblich-weiss gefärbte und ausgezeichnet zu bearbeitende Tuffstein bereits in römischer Zeit systematisch abgebaut worden ist. Der Steinbruch scheint soweit ausgebeutet worden zu sein, dass eine grossflächige Terrasse aus Tuffstein entstand, die später durch eine Kalksteinpflästerung erschlossen wurde.
Prähistorische Keramik und Silexfragmente zeigen uns, dass die Besiedlung vor Ort nicht erst mit der römischen Zeit begann, sondern mutmasslich mindestens bis in die Bronzezeit, also in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht.
Reaktivierung im Mittelalter
Offenbar waren die Tuffsteinbänke von so guter Qualität, dass der Abbau im 13. bis 14. Jahrhundert reaktiviert und erneut ein Arbeits- und Wohngebäude aus Fachwerk errichtet wurde. Wie Fragmente von Kochtöpfen und einfachen Becherkacheln belegen, wies das Gebäude neben einer Kochstelle sogar einen Kachelofen auf, was für einen gewissen Wohlstand und Wohnkomfort des Steinbruchbetreibers spricht. Beim mittelalterlichen Tuffsteinabbau dürfte die Abnehmerschaft bei den Bauherren der Burg Wessenberg, sowie der Habsburgerstadt Laufenburg zu suchen sein.
Kalktuff – hervorragendes Baumaterial
Der im Jurabogen vorkommende Quelltuff oder Kalktuff entsteht durch jahrtausendelange Ablagerungsprozesse. Kalkhaltiges Quellwasser fließt in Richtung eines Gewässers; an Stellen mit geringer Strömung lagert sich sogenannter Kalksinter ab, eine Ausfällung von Mineralien aus übersättigtem Wasser. Im Laufe von Jahrtausenden bilden sich solche Sinterschichten und verfestigen das darunter liegende Material. So baut sich das Gestein Stück für Stück auf und bildet schließlich die Tuffsteinbank.
Kalktuff ist aufgrund seiner weichen und porösen Struktur leicht abzubauen und bergfrisch mit Sägen einfach in die gewünschte Form zu bringen. Aufgrund seines geringen spezifischen Gewichtes, seiner Frostbeständigkeit und seiner porösen Struktur wurde er in der Römerzeit aber auch im Mittelalter bevorzugt für Bogen- und Gewölbekonstruktionen eingesetzt. Die an der spätkeltischen Befestigungsmauer in Vindonissa verbauten Quader aus Tuffstein zeigen, dass die Nutzung von Kalktuff bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. einsetzte.
Wo die mutmasslich in der Römerzeit in Wil abgebauten Tuffsteine letztendlich verbaut wurden, ist nicht bekannt. Aufgrund der Transportwege zu Land und Wasser ist durchaus plausibel, dass die Bausteine auf dem Rhein bis Laufenburg und weiter rheinabwärts befördert wurden. In der näheren Umgebung von Wil sind bislang keine römischen Gebäude bekannt, an denen massgebliche Teile aus Kalktuff gefertigt waren.
Der Steinhof
Im Steinhof stand zuvor ein Bauernhaus, das laut Inschrift 1740 errichtet wurde. Es wurde 2026 abgebrochen. Der Wohnteil war aus Tuff- und Kalksteinen erbaut. Die Scheune bestand aus einer altertümlich wirkenden Zimmermannstechnik mit stehenden Dachstuhlsäulen und Aussenwänden in einer Wandständer-Bohlenwand-Konstruktion. Zusammen mit den drei anderen Bauernhäusern des Weilers Steinhof, war es in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts im ehemaligen Tuffsteinbruch erbaut worden. Dank den Erkenntnissen der Grabung hat sich nun auch das Herkommen des Flurnamens geklärt: Er bezieht sich auf Steinbruch des Spätmittelalters.