Ein Produkt der  
Die grösste Wochenzeitung im Fricktal
fricktal info
Verlag: 
Mobus AG, 4332 Stein
  Inserate: 
Texte:
inserat@fricktal.info
redaktion@fricktal.info
Fricktalwetter
Klarer Himmel
6.6 °C Luftfeuchtigkeit: 65%

Freitag
6.5 °C | 13 °C

Samstag
3.8 °C | 12.5 °C

Claude Chautems und Ruth Imhof-Moser beim Interview mit fricktal.info im Kirchgemeindehaus der reformierten Kirche in Möhlin. Foto: zVg
Featured

«Gemeinsam haben wir mehr Möglichkeiten» – Reformierte Kirchgemeinden Möhlin und Wegenstettertal planen Zusammenschluss

Am 8. November und am 19. November stimmen die reformierten Kirchgemeinden Wegenstettertal und Möhlin über einen möglichen Zusammenschluss der beiden Kirchgemeinden ab. Das Ziel ist vorerst, dass die Kirchgemeindeversammlungen den Auftrag zur Vorbereitung der Zusammenführung erteilen.

LILIA STAIGER

fricktal.info traf Ruth Imhof-Moser, Kirchenpflegepräsidentin der reformierten Kirche Wegen-stettertal, und Claude Chautems, Kirchenpflegepräsident der reformierten Kirche Möhlin, zum Interview über die aktuelle Situation der beiden Kirchgemeinden und ihre mögliche gemeinsame Zukunft.

Ihre Mitglieder entscheiden in den nächsten Wochen über die Zukunft ihrer Kirchgemeinden. Sie empfehlen den Zusammenschluss. Was steht aus Ihrer Sicht auf dem Spiel, wenn die Mitglieder Nein sagen?
Claude Chautems: Aufgrund der Mitgliederentwicklung – seit 2015 ist die Mitgliederzahl in Möhlin und im Wegenstettertal um rund 20
Prozent zurückgegangen – und der damit verbundenen finanziellen Entwicklung könnten die Kirchgemeinden langfristig nicht mehr selbstständig bleiben.
Ruth Imhof-Moser: Mit rund 800 Mitgliedern ist die reformierte Kirche Wegenstettertal eine kleine Kirchgemeinde. Mit weniger Mitgliedern sinken langfristig auch die Einnahmen aus den Kirchensteuern. Gleichzeitig wird es schwieriger, genügend Freiwillige für ehrenamtliche Aufgaben zu finden. Sollten künftig auch bezahlte Stellen reduziert werden müssen, könnte dies Auswirkungen auf das kirchliche Angebot haben, etwa auf die Zahl der Gottesdienste oder auf die Seelsorge.

Warum ist ein Zusammenschluss aus Ihrer Sicht notwendig?
Claude Chautems: Ganz klar, um langfristig zu «überleben». Solange beide Kirchgemeinden eigenständig funktionieren, wäre als weiterer Schritt eine noch engere Zusammenarbeit vorstellbar gewesen; diese bringt aber mehr administrative und organisatorische Herausforderungen mit sich. Ein Zusammenschluss würde die seit 2019 verstärkte Zusammenarbeit, wie beispielsweise den gemeinsamen Konfirmandenunterricht, gemeinsame Gottesdienste und Kulturangebote, vereinfachen und finanzielle Vorteile bringen.
Ruth Imhof-Moser: Als grössere Gemeinde haben wir insgesamt mehr Möglichkeiten. Zudem sichert es unsere finanzielle Situation, und durch die Bündelung unserer Ressourcen können wir Synergien nutzen. Ein Zusammenschluss würde keinesfalls bedeuten, dass die individuellen Angebote der Kirche in den beiden Gemeinden verschwinden – ganz im Gegenteil: Sie können so langfristig erhalten und weiterentwickelt werden. Seit Januar 2026 geben wir auch das Kirchenblatt «kircheninfo» gemeinsam heraus. Die Mitglieder werden so eingeladen, an allen Angeboten beider Kirchgemeinden teilzunehmen – dadurch wollen wir schon jetzt ein aktives und gemeinsames Gemeindeleben fördern.

Was würde sich bei einem Zusammenschluss für die Kirchgemeindemitglieder in Möhlin und im Wegenstettertal ändern und was würde wie bisher beibehalten werden?
Ruth Imhof-Moser: Unsere Mitglieder würden weniger Steuern zahlen, da der Steuerfuss in Möhlin niedriger ist und wir uns angleichen würden. Anfangs würde man als Mitglied nicht viel bemerken, da es vor allem die administrativen Bereiche betrifft. Neu wäre aber auch, dass wir gemeinsam eine 100-Prozent-Pfarrstelle schaffen.
Claude Chautems: Aktuell haben wir im Hinblick auf die bevorstehende Pensionierung unseres Pfarrers und angesichts des bevorstehenden Weggangs der Pfarrerin im Wegenstettertal ein gemeinsames Stelleninserat für eine Pfarrperson mit einem 100-Prozent-Pensum ausgeschrieben. Das war uns wichtig, da Teilzeitpfarrstellen oft wenig attraktiv sind. Das örtliche Gemeindeleben wird wie bisher beibehalten werden.

Wie wird das Gleichgewicht zwischen Möhlin und dem Wegenstettertal gesichert?
Claude Chautems: Die Vorstellung «Sie fressen uns auf», muss das Wegenstettertal keinesfalls haben (lacht). Es wird in erster Linie eine gemeinsame Kirchenpflege geben, und wenn wir diesen Auftrag am 8. bzw. am 19. November bekommen, werden wir ihn so gut wie möglich den Vorstellungen der Mitglieder nach umsetzen. Ein gemeinsames Sekretariat ist ebenfalls geplant.
Ruth Imhof-Moser: Die Verteilung der Finanzen und administrativen Aufgaben sowie der Kommunikation sind sehr wichtig und werden wichtige Punkte in diesem gemeinsamen Vertrag sein. Wir müssen Verantwortung übernehmen, um auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten und ein Gleichgewicht zu bewahren.

Frau Imhof-Moser, was können Sie den Mitgliedern im Wegenstettertal versprechen, damit sie nicht befürchten müssen, dass ihre Anliegen in einer grösseren Kirchgemeinde weniger Gewicht erhalten?
Ruth Imhof-Moser: Ich weiss, dass es vor allem Vertrauen in die Kirchenpflege braucht. Ich habe unseren Mitgliedern bereits versprechen müssen, dass zwei Gottesdienste im Monat weiterhin in Zuzgen stattfinden werden. Unseren Mitgliedern sind zudem die Angebote vor Ort wichtig, darunter der Generationen-Zmittag, der Eltern-Kind-Morgen, Coffee & Talk und der 60+-Nachmittag. Diese werden alle beibehalten. Es müssen aber weiterhin aktive Mitglieder bereit sein, sich einzubringen. Uns ist es wichtig, dass bei einem Zusammenschluss alle gehört werden, auch die Menschen in den kleinen Gemeinden des Tals – Zeiningen, Zuzgen, Hellikon und Wegenstetten.
Claude Chautems: Für die Gottesdienste, die nicht vor Ort stattfinden, werden dann jeweils Fahrdienste eingerichtet, damit alle Mitglieder die Möglichkeit haben, sie zu besuchen.

Herr Chautems, Möhlin ist der grössere Partner. Welche konkreten Zugeständnisse ist Möhlin bereit, zu machen, damit der Zusammenschluss nicht einfach eine Eingliederung des Wegenstettertals wird?
Claude Chautems: Meiner Einschätzung nach ist für beide Seiten klar, dass sie gleichwertige Partner werden. Ich habe die Gemeinde Wegen-stettertal über Jahre erlebt, und wir sind einander stets auf Augenhöhe begegnet. Das Wegenstettertal ist robust (lacht).
Ruth Imhof-Moser: Wir können uns wehren (lacht). Bisher haben wir immer einen gemeinsamen Weg gefunden.

Welche konkreten neuen gemeinsamen Projekte haben Sie geplant?
Ruth Imhof-Moser: Im Wegenstettertal ist die Ökumene sehr stark, und wir möchten diese Zusammenarbeit mit der christkatholischen und der römisch-katholischen Kirchgemeinde auch weiterhin fördern. Zudem liegt uns die Familienarbeit sehr am Herzen. Für die Oberstufenschüler aus dem Tal, die die Schule in Möhlin besuchen werden, soll es ebenfalls spannende Projekte geben sowie im Kulturbereich. Wir haben uns auch der Juseso Fricktal, der Fachstelle für Jugendarbeit, angeschlossen und bieten in diesem Rahmen ein vielfältiges Programm für Jugendliche an.
Claude Chautems: In Möhlin sind wir gerade dabei, den Jugendkeller umzubauen. Dazu sind Jugendliche eingeladen, die Einrichtung mitzugestalten. Wir wollen den Jugendlichen in erster Linie einen sicheren Raum bieten; eine brandschutztechnische Beurteilung wurde bereits erstellt. Wir hoffen, mit neuen Angeboten mehr Zuspruch bei Jugendlichen auch über den Konfirmandenunterricht hinaus zu finden. Beispielsweise haben wir sechs aktive junge Erwachsene, die seit ihrer Konfirmation jedes Jahr nach Möhlin kommen, um als Santiklaus und Schmutzli Familien zu besuchen.

Was wäre Ihr Wunsch hinsichtlich der Abstimmungen am 8. November in Zuzgen und am 19. November in Möhlin sowie für die Zukunft beider bzw. einer neuen Kirchgemeinde?
Claude Chautems: Wir wünschen uns, dass möglichst viele Mitglieder kommen, abstimmen und damit ihre Meinung kundtun. Für die Zukunft möchten wir unsere Kirchgemeinde wieder fest in der Gesellschaft verankern, und hierzu werden wir auch verstärkt in die digitale Welt eintreten. Zudem wünschen wir uns, dass unsere Mitglieder den Nutzen zweier Standorte spüren und Freude am Gemeindeleben haben.
Ruth Imhof-Moser: Genau, es ist ihre Kirche, und die Mitglieder sollen mitteilen, wie sie sich deren Zukunft vorstellen. Wir möchten für die Zukunft neue Wege gehen, und uns trauen, diese miteinander zu gehen. Hierzu brauchen wir Menschen, die sich aktiv beteiligen und aufeinander zugehen.

Bild: Claude Chautems und Ruth Imhof-Moser beim Interview mit fricktal.info im Kirchgemeindehaus der reformierten Kirche in Möhlin. Foto: Lilia Staiger