Ein Produkt der  
Die grösste Wochenzeitung im Fricktal
fricktal info
Verlag: 
Mobus AG, 4332 Stein
  Inserate: 
Texte:
inserat@fricktal.info
redaktion@fricktal.info
Fricktalwetter
Überwiegend bewölkt
25.9 °C Luftfeuchtigkeit: 45%

Freitag
20 °C | 30.5 °C

Samstag
15.7 °C | 27.2 °C

Der reformierte Kirchenchor in seiner aktuellen Besetzung. Foto: Lilia Staiger
Featured

«Mit Herz und Seele dabei» – Reformierter Kirchenchor Möhlin wird 100

Der reformierte Kirchenchor Möhlin feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Die Geschichte begann schon Jahre vor der Gründung einer eigenständigen reformierten Kirchgemeinde. fricktal.info sprach mit Kirchenchorpräsidentin Andrea Giger und Ehrenmitglied Sandor Janko über die bewegte Geschichte des Chors, erinnerungswürdige Momente sowie die Gegenwart und Zukunft.

LILIA STAIGER

Der erste Auftritt des reformierten Kirchenchors Möhlin fand am Karfreitag 1927 statt – gegründet wurde der Chor aber bereits 1926 im Herbst. Damals hatte Möhlin noch keine eigenständige reformierte Kirchgemeinde, und es war lange bevor die reformierte Kirche gebaut wurde. Möhlin war zu dieser Zeit an die reformierte Kirchgemeinde in Rheinfelden angeschlossen. Es wird angenommen, dass der damalige Pfarrer M. Caspar die Gründung des reformierten Kirchenchors initiierte. Die erste Chorzusammensetzung bestand aus 30 Sängerinnen und Sängern, und das erste Probenlokal war das Radiozimmer des Schulhauses Obermatt in Möhlin, wie dem Archiv des reformierten Kirchenchors zu entnehmen ist.

«Es geht um die Gemeinschaft»
Andrea Giger stiess 2004 zum reformierten Kirchenchor; seit 2005 ist sie zudem Kirchenchorpräsidentin. «Ich interessiere mich seit jeher für Musik und bin schon fast mein ganzes Leben lang Chorsängerin», berichtet sie, «zudem bin ich ein aktives Kirchgemeindemitglied und -sekretärin.» Für die Präsidentin geht es aber nicht nur um die Musik, sondern vor allem um die Gemeinschaft: «Mir geht es dabei weniger um eine musikalische Herausforderung. Wir singen alle gemeinsam; jeder, der in unserem Chor mitsingen will, darf bei uns mitsingen. So tragen wir auch die weniger starken Sängerinnen und Sänger mit», erläutert Andrea Giger. «Es gibt sogar ein paar Mitglieder, die keine Noten lesen können.» Ehrenmitglied Sandor Janko merkt schmunzelnd an: «Nur die Falschsänger haben wir nicht ganz so gern.»

Andrea Giger und Sandor Janko. Foto: Lilia Staiger40 Jahre Kirchenchormitglied
Sandor Janko war über 40 Jahre Mitglied des reformierten Kirchenchors – und ist heute mit 91 Jahren das älteste Ehrenmitglied. Er erinnert sich an die Zeit, als seine Frau und er 1967 nach Möhlin zogen: «Damals erhielten wir Besuch vom Pfarrer Bühler, der von der Kirchgemeinde und vom Kirchenchor erzählte. Meine Frau, Harriet, sang schon immer gern, und sie fragte mich, ob wir gemeinsam eine Probe des Kirchenchors besuchen wollen – wir haben immer alles zusammen gemacht», berichtet das Ehrenmitglied, «und so gingen wir noch etwas unsicher zu einer Probe des Chors. ‹Was sucht ihr?›, fragte uns eine Frau. Wir antworteten: ‹Die Probe des Kirchenchors›. Die Frau nahm uns daraufhin in den Arm und führte uns zur Probe. Von da an waren wir 40 Jahre lang mit dabei.»

«Mit dem Lismen war Schluss»
An die Anfangszeit im Kirchenchor erinnert sich Sandor Janko ebenfalls gut: «Der Dirigent Herr Pflückiger hatte den Kirchenchor kurz zuvor übernommen; er wollte ihn professioneller machen und hatte interessante Ideen. Einige Frauen strickten immer während der Chorprobe – damit war fortan Schluss (lacht).» Andrea Giger merkt an: «Damals war es üblich, dass Chordirigenten Lehrer der Volksschule waren; heute sind es ausschliesslich ausgebildete Musikpädagogen und richtige Musikprofis, die für den Posten angestellt werden. Unser derzeitiger Chorleiter und Organist, Herr Nicola Cumer, ist seit 17 Jahren dabei.»

Silber für Fleiss
Wer die Kirchenchorproben regelmässig besuchte, wurde damals belohnt: «Man erhielt ein Silberlöffelchen vom Uhrmachergeschäft Buser, wenn man nicht mehr als zweimal im Jahr gefehlt hatte», erzählt Sandor Janko. «Auch heute noch gibt es Präsente für die meisten Chorbesuche; mein Vorgänger als Präsident stellte beispielsweise ein Tablett mit verschiedenen Kerzen hin, und jeder suchte sich aus, was er dachte, in dem Jahr verdient zu haben», erklärt Andrea Giger.
Nachdem der Dirigent Pflückiger aufgehört hatte, durchlief der Kirchenchor von 1973 bis 1976 eine schwierige Zeit. «Kurze Zeit hat eine Sängerin aus dem Chor dirigiert, und als wir anschliessend gar keinen Dirigenten hatten, gingen wir eine Zeit lang zum reformierten Kirchenchor in Rheinfelden; gemeinsam mit diesem veranstalteten wir einmal auch ein grosses Konzert», berichtet Sandor Janko.

Damals schon mit dabei: Sandor Janko (zweite Reihe, Mitte rechts) bei einem Konzert des reformierten Kirchenchors, etwa im Jahre 1970. Foto: Archivbild, zVgTheater gehörte dazu
Zu der Zeit, als Sandor Janko aktives Kirchenchormitglied war, führte der Kirchenchor neben dem Gesang auch eine eigene Theatergruppe. «Wir spielten oft im ‹Sonnensaal› des Hotels Sonne in Möhlin», blickt Sandor Janko zurück. «Unter der Leitung von Dirigent Häring in den Jahren 1977 bis 1992 veranstalteten wir auch jedes Jahr ein Konzert, und wir sangen bei grossen Anlässen im Dorf wie der Gemeindehauseinweihung – ich mochte die Lieder von Johann Sebastian Bach am liebsten.» Das starke Gemeinschaftsgefühl bestand schon damals: «Nach den Proben gingen wir oft gemeinsam essen, beispielsweise im damaligen Café Sport in Möhlin», erinnert sich Sandor Janko, «dabei habe ich mir einmal einen Spass mit dem Servierpersonal erlaubt, an den ich gern zurückdenke (lacht).» Bis vor einigen Jahren waren die mehrtägigen Chorreisen und Ausflüge zudem üblich und sehr beliebt.

Kirchenchor sucht neue Stimmen
Was sich heute deutlich verändert hat, ist die Grösse des Chors. «Ich denke heute mit Wehmut an den Kirchenchor – ich war immer mit Herz und Seele dabei», betont Sandor Janko, «als meine Frau und ich angefangen haben, waren wir 32 Sängerinnen und Sänger – heute sind es nur noch 15. Ich sehe es nicht gerne, dass der Chor immer kleiner wird.» Für Andrea Giger ist jedoch nicht nur die Quantität ausschlaggebend: «Die Qualität ist meiner Ansicht nach wichtiger; wir sind ein kleiner Chor, und wir singen dreistimmig. Unser Chorleiter arrangiert deshalb viele vierstimmige Werke für drei Stimmen um, und er weiss genau, was er uns zutrauen kann», führt Andrea Giger aus, «dennoch braucht unser Chor zweifelsfrei Verstärkung – neue junge Stimmen sind besonders willkommen; dabei spielt es keine Rolle, ob neue Mitglieder 20, 40 Jahre oder noch älter sind», teilt Andrea Giger mit.

Gemeindegesang stärken
«Heute ist es schwieriger geworden, Menschen für eine Tätigkeit im Verein zu gewinnen. Wenn wir jemandem mitteilen, dass wir einmal die Woche proben, ist die Reaktion meistens: ‹Das ist mir zu viel›», sagt Andrea Giger. Eine Möglichkeit, die Kräfte zu bündeln, sieht die Präsidentin in der Ökumene: «Wir singen unter anderem jedes Jahr im ökumenischen Bettagsgottesdienst gemeinsam mit dem römisch-katholischen und mit dem christkatholischen Chor aus Möhlin, und wir sind eng mit ihnen verbunden.» Beim Festgottesdienst zum Kirchenwiesenfest am 30. August 2026 in der reformierten Kirche Möhlin werden die Chöre der drei Kirchgemeinden ebenfalls mitwirken. «Ich finde es wichtig, dass wir den Gottesdienst mit unserem Gesang bereichern und so dazu beitragen, den Gemeindegesang lebendig zu halten.»

Grosses Jubiläumskonzert am 29. August
Im Januar startete das Jubiläumsjahr des Kirchenchors bereits mit einem grossen Konzert, dem Projekt «Encuentros», bei dem es sich um eine Masterarbeit zu Musik und Bewegung handelte. Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens veranstaltet der reformierte Kirchenchor zusammen mit der Kulturkommission Möhlin, die in diesem Jahr ihr 60-Jahr-Jubiläum feiert, zudem am Samstag, 29. August, einen Konzertabend in der reformierten Kirche in Möhlin, der ganz im Zeichen Italiens steht. Auf dem Programm stehen unter anderem Werke italienischer Renaissance- und Frühbarock-Komponisten wie Claudio Monteverdi und Girolamo Frescobaldi. Begleitet wird der Chor von einem Instrumentalensemble mit historischen In­strumenten wie Gambe, Laute und Chitarrone.

Italienischer Abend – musikalisch und kulinarisch
Für das Jubiläumskonzert am 29. August wurde nach einem besonderen Motto gesucht: «Das Motto Italien hat mich begeistert, weil wir einerseits unser neues Cembalo einsetzen möchten, zu dem weltliche Musik der Renaissance hervorragend passt», erläutert die Präsidentin. «Andererseits ist Italien die Heimat unseres Dirigenten, und auch die Verbindung von Musik und Kulinarik fügte sich wunderbar ins Konzept.» Andrea Giger blickt dem Anlass mit Vorfreude entgegen: «Wir hoffen auf einen runden Abend und freuen uns, mit dem Konzert auch Synergien zu schaffen: Wir haben den Anlass gemeinsam mit der Kulturkommission Möhlin geplant und organisiert, und der Circolo ACLI wird die Gäste mit einem italienischen Apéro riche verwöhnen», teilt die Präsidentin mit. «Vielleicht finden sich bei diesem Anlass auch Interessierte für unseren Chor (lacht).» Auch Sandor Janko ist schon gespannt darauf, das feierliche Konzert zu besuchen.

Tickets für das Jubiläumskonzert sowie weitere Informationen unter:
www.4313kultur.ch/programm 
www.refmoehlin.ch/angebote/musik-in-der-kirche/kirchenchor/ 

Bilder
Erstes Bild: Der reformierte Kirchenchor in seiner aktuellen Besetzung. Foto: Lilia Staiger
Zweites Bild: Andrea Giger und Sandor Janko. Foto: Lilia Staiger
Drittes Bild: Damals schon mit dabei: Sandor Janko (zweite Reihe, Mitte rechts) bei einem Konzert des reformierten Kirchenchors, etwa im Jahre 1970. Foto: Archivbild, zVg