In einem feierlichen Gottesdienst am gestrigen Sonntag wurde Pfarrer Jonas Meier ins Amt eingesetzt. Er selber bezeichnete den Anlass, mit Bezug aufs Thema, als tierische Angelegenheit.
ANDREAS FISCHER
In ihrer Einleitung zur Einsetzung erzählte Vizedekanin Pfarrerin Beate Jaeschke, was sie im vorbereitenden Gespräch besonders beeindruckt hatte: Dass Jonas Meier „mittendrin im Leben“ als Pfarrer wirken wolle, „am Gartenzaun oder beim Café in der Altstadt. Wenn Tränen fliessen – vor Freude oder vor Trauer.“ Für den Akt der Einsetzung mit Gelübde und Segen bat sie die Mitglieder der Kirchenpflege, sich in einem Halbkreis um Jonas Meier zu stellen und so ihre Unterstützung zum Ausdruck zu bringen. Anschliessend zitierte Jaeschke eine der genialen Wortspielereien des legendären Berner Dichter-Pfarrers Kurt Marti (1921-2017): „Wo kämen wir hin, / wenn alle sagten, / wo kämen wir hin, / und keiner ginge, / um zu sehen, / wohin wir kämen, / wenn wir gingen.“ Jonas sei jemand, der gehe, fügte sie noch hinzu. „Gottes Segen für eure Weggemeinschaft, liebe Gemeinde!“
Susanne Ammann, Katechetin in der Kirchgemeinde und Rheinfelder Stadtführerin, trug als Predigttext die bekannte Geschichte vom Sündenfall am Anfang der Bibel vor. Von der Schlange, die die Frau im Paradies zum Essen der verbotenen Früchte verführt; die Frau wiederum verführt den Mann; Gott bestraft den Ungehorsam mit der Vertreibung aus dem Paradies. So in etwa geht die Story – man meint sie zu kennen. Und Jonas Meier rief all die Klischees in Erinnerung, indem er vor sich auf den Altar eine Schüssel voller Gummischlangen hinstellte, als „süss-saure Versuchung jetzt in der Fastenzeit“. Doch dann ermutigte er die Zuhörenden, „den wunderbar vielschichtigen Schöpfungstext neu zu lesen“. Der Text habe es verdient, sagte Meier, und zeigte das anhand von interessanten Beobachtungen auf.
Schlange und Eva als erste Theologinnen
Zum Beispiel wies er darauf hin, dass das Gespräch zwischen der Schlange und der Frau das erste Gespräch überhaupt sei in der Bibel, in dem zwei Geschöpfe miteinander sprechen. Und dass sie über Gottes Wort diskutieren (Thema ist das Verbot Gottes, vom Baum in der Mitte des Gartens zu essen). Das, stellte Meier fest, sei Theologie, also Rede über Gott.
Was in diesem ersten theologischen Gespräch geschieht, sagt Meier weiter, sei nicht Verführung zur Sünde, sondern der erste Schritt in die Eigenständigkeit: „Durch Gottes Wort ist alles geworden. Und jetzt ergreifen zwei Geschöpfe Gottes selber das Wort. Das erste Mal fängt die Schöpfung selber an zu denken. Sie wird erwachsen.“
Der Schöpfungstext, stellte Meier weiter fest, sei „immer wieder auf fatale Art und Weise gebraucht worden“: Man habe mit ihm die Ungleichheit der Geschlechter zementiert. Tatsächlich sei in der Geschichte aber – anders als es die Stereotypen einem weismachen wollen – die Frau die erste, die selbstbestimmt handle: „Sie nimmt die Frucht, isst sie und gibt sie ihrem Mann zum Essen.“ Der Mann sei demgegenüber passiv und unkritisch.
Am Schluss seiner Predigt wies Meier hin auf den Spruch, welchen ihm seine Ausbildnerin am Basler Münster, Pfarrerin Dr. Caroline Schröder Field – die, übrigens, bei dem Gottesdienst anwesend war –, ihm zur Ordination gegeben hatte: „Seid klug wie die Schlangen und ohne falsch wie die Tauben“. „Viel zu lang“, sagte Meier dazu, „haben wir gesagt: Frauen sollen sanft wie Tauben sein und Männer machtbewusst wie Schlangen. Jesus sagt: Alle sollen beides sein.“ Das gelte es zu betonen an diesem 8. März, der nicht nur Tag seiner Amtseinsetzung, sondern auch Weltfrauentag sei.
Gradlinig um die Ecke denken
Auf Meiers Ordinationsspruch wurde im weiteren Verlauf des Gottesdienstes noch mehrfach Bezug genommen. Dr. Roland Arnold, Hausarzt in Rheinfelden, lobte in seiner Rede als Präsident der Kirchenpflege Meiers „beeindruckende Fähigkeit, gradlinig um die Ecke zu denken, so dass wir alle vollkommen neue und bislang sträflich vernachlässigte Aspekte berücksichtigen können“. Man könne in diesem Sinn sagen, Meier sei „unsere Schlange: Du lässt uns unsere gegebenen Regeln hinterfragen und neu bewerten. Und gerne darfst du uns auch mal in die Ferse zwicken, um uns Beine zu machen.“ Zugleich sei Jonas aber auch Taube: „Die Liebe für den Menschen und die göttliche Schöpfung lässt du nie aus dem Auge.“
Mit wertschätzenden und humorvollen Worten lobte der Präsident „die beispiellose Motivation und das grenzenlose Engagement“ seines neuen Pfarrers, gab ihm aber auch „einen guten Rat“ mit auf den Weg: „Pass auf, dass dieses Engagement nicht ausgenutzt wird. Gerade der Kirchenpflegepräsident greift da anscheinend ungeniert drauf zu.“
Auch das schnitzelbankartige Lied, eine Umdichtung von „Sonne der Gerechtigkeit“, Jonas Meiers liebstem Kirchenlied, nahm Bezug auf die Tiermetaphorik: „Bisch gelasse, weisch, was t chasch; / häsch Humor, checksch Situatione rasch; / Tuube, Schlange mitenand, /zmitzt im Chaos bliibsch entspannt.“
Das von Kirchenpflege und Mitarbeitenden vorgetragene Lied schwang zuletzt aus in eine vierstimmig vorgetragene hymnische Strophe: „Mitenand chömed mer wiit! / Gottes Säge dir und gueti Ziit! / Und, mit eme Blinzle gseit: / Bliib doch bis in Ewigkeit!“
Geruch von Frühling
Die gehobene Stimmung wurde durch die Musik aufgenommen und verstärkt: Die Organistin Nina Haugen spielte gemeinsam mit einem Bläserquartett eigens von ihr arrangierte Werke von Mendelssohn, Händel („Feuerwerksmusik“) und Telemann („Die Würde“).
Im Anbau der Kirche hatte während des Gottesdienstes Zogo Erdenebat vom Rheinfelder Restaurant „Sole & Sar“ Momos, Frühlingsrollen und viele weitere Häppchen vorbereitet. An diesem Tag, an dem auch das Wetter perfekt mitspielte, sass man noch bis in den Nachmittag hinein draussen im Atrium und drinnen im Chor des Kirchenraums, plauderte über Gott und die Welt und fand die Worte von Roland Arnold bestätigt: „Der Geruch von Frühling wabert durch die Bänke.“
Bilder:
Erstes Bild: Feierliche Einsetzung von Pfarrer Jonas Meier. Foto: Klaus-Christian Hirte
Zweites Bild: Jonas Meier setzt die Gummibärenschlange in den Olivenbaum. Foto: Klaus-Christian Hirte
Drittes Bild: Jonas Meier bei seiner Predigt. Foto: Klaus-Christian Hirte