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Dr. lena Rybiy. Foto: zVg

Sie kämpft um die Zukunft: Die Ukrainerin Dr. Olena Rybiy hält Vortrag in Rheinfelden

Dr. Olena Rybiy ist eine Lehrbeauftragte an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel im Fachbereich Politikwissenschaft. Seit 2022 wohnt die Ukrainerin in Rheinfelden.

LESZEK RUSKOWSKI

Ihre Studien- und Forschungsdomaine hat in den letzten zwei Jahren ungewollt einen kometenhaften Anstieg von öffentlichem Interesse verzeichnet. Jede der abgefilmten Yale-Vorlesungen des Osteuropahistorikers Timothy Snyder zur Geschichte der Ukraine wurde vor einem Jahr im Schnitt eine halbe Million Mal angeklickt, was eine sagenhafte Reichweite für eine akademische Veranstaltung bedeutetet. Aber Putins gross angelegte Invasion war nicht der Anfang von Rybiys Interesse für Politik.
Sie ist ein Kind der unabhängigen Ukraine – erzählt die junge Wissenschaftlerin, die eigentlich nicht als jung bezeichnet werden will. «Ich bin bereits 39», klärt sie mich auf. Im zarten Alter von sechs Jahren verfolgte sie bereits intensiv die ersten Parlamentswahlen in ihrem Land. Sie beriet dabei ihre Eltern. Die kleine Olena hatte das Gefühl, bereits anhand der Fotos auf den Wahlplakaten sagen zu können, was die abgebildete Person «wert ist». Und die Eltern vertrauten ihrem politischen siebten – durchaus kritischen – Sinn. «Viele erwachsene und ältere Leute waren tendenziell naiv», erinnert sich die Politikwissenschaftlerin an ihr damaliges Bauchgefühl. Ihr Wunsch war, objektiv und vorurteilsfrei denken zu können. Dazu wollte sie die Geschichte tiefer kennenlernen und sie als Universitätsfach studieren. Sie schwenkte aber auf Politikwissenschaft um.

Herausforderung gesucht
Warum? «Ich war auch auf der Suche nach einer richtigen Herausforderung. Die Politik-Wissenschaft war damals eine ganz neue Disziplin in der postsowjetischen Ukraine. Eine grosse Unbekannte. Und ich wollte mir nicht nur Wissen aneignen. Mein Ziel war, etwas zu tun, was einen Unterschied ausmacht, etwas, was das Leben der Menschen verbessern kann», führt Rybiy aus. Aber wie wollte sie damals das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer verbessern? Ging es um den Wohlstand? Oder vor allem um Freiheiten? «Materiell habe ich in meiner Kindheit nichts vermisst, obwohl wir objektiv gesehen wenig hatten. Ich trug als Mädchen die ausgetragenen Kleider meines zwei Jahre älteren Bruders. Das störte mich gar nicht. Und als mein Vater uns Kaugummis aus Bulgarien brachte, war das ein Highlight», erzählt Olena Rybiy. «In vielen Gesprächen hörte ich über Ungerechtigkeiten und Missmanagement. In meinen 20ern las ich viele Zeitungen und Bücher. Das Internet war noch nicht als Informationsquelle zugänglich. Aber ich sah, dass die Privatisierung des Staatseigentums zu vielen Auswüchsen führte. Es entstand eine Klasse der Oligarchen. Wirtschaftskriminalität florierte. Da lag noch viel Arbeit vor uns.»
Die Aufgabe, die Rybiy und ihre Mitstudenten und viele Gleichgesinnte sahen, war ohne politischen Kampf nicht zu erfüllen. Und dazu gab es immer wieder Gelegenheit. Die Geburtswehen der unabhängigen Ukraine sind im Westen vor allem durch die Namen der grossen Protestbewegungen bekannt. Die Orange Revolution als Reaktion auf den Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen 2004. Neun Jahre später brachen monatelange Proteste bekannt geworden als Euromaidan aus. Auslöser war der plötzliche Rückzieher von Präsident Janukowitsch und die Weigerung, politische Abkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen, was zweifelsohne auf Druck Russlands geschah.

Eine Grenzerfahrung
Diese Proteste erlebte Olena Rybiy live vor Ort und sie war Teil davon. Ein Engagement unter Lebensgefahr, wie es sich herausstellte. Die damalige Studentin Rybiy hatte in dieser Geburtsstunde einer neuen Zivilgesellschaft die Aufgabe, zusammen mit anderen die Verwundeten vor dem Zugriff der Sicherheitskräfte zu schützen, denn diesen drohte Verhaftung ungeachtet ihres Zustands. Die Monate auf dem Maidan-Platz waren eine Grenzerfahrung. Sie schweissten Fremde zusammen zu einer Solidargemeinschaft. Rybiy benutzt die Begriffe «powerful experience, inspiring Spirit». Manchmal frage ich die Frau, die mit Russisch als Muttersprache aufwuchs und dann aus patriotischen Gründen zu Ukrainisch wechselte, nach der Originalvokabel. Ihre Geschichte erzählt sie mir aber in einem fliessenden Englisch.
Ende Mai 2022 nahm sie einen Auftrag für ein Projekt der Universität Zürich an und kam in die Schweiz. Später folgte eine Lehrbeauftragung der Uni Basel. «Es war eine harte Entscheidung, den Mann in der Ukraine zurückzulassen. Ich besuche ihn aber seither drei bis vier al pro Jahr zusammen mit unseren Töchtern und wir bleiben ständig im Kontakt. Schliesslich geht es uns auch um die Sicherheit unserer Kinder.» Und sie ergänzt: «Es sind schon so viele Menschen, auch meine Bekannten gestorben. Einer war ein Student von mir.» Ob die Reisen in die Ukraine nicht ein zu grosses Risiko sind? «Es ist ein Risiko, aber wir sind gegen die Angst immunisiert. Wenn ein Alarm kommt, wissen alle, was zu tun ist. Man macht es einfach».

Vortrag am 15. März
Dr. Olena Rybiy wird am 15. März um 19.30 Uhr einen Vortrag im reformierten Kirchgemeindehaus an der Roberstenstrasse 22 in Rheinfelden halten (Eintritt frei, Kollekte). Welchen Titel wünscht sie für diesen Vortrag, frage ich sie. «Vielleicht: Wir kämpfen um die Zukunft», meint sie. Und sie erklärt: «Es geht um die Zukunft unserer Kinder, Zukunft der Ukraine, aber auch um die Zukunft Europas. Das könnte unsere letzte Chance sein.», fügt sie nachdenklich hinzu.

Bild: Dr. lena Rybiy. Foto: zVg