Seit 20 Jahren ist Carmen physisch tot, aber in der Erinnerung Josés ist sie für immer jung und unzerstörbar. Und so beherrscht sie das Schlussbild: Verführerisch und unerreichbar, heissblütig und kalt zugleich. So ungewöhnlich und doch stimmig endete die Aufführung von Georges Bizets berühmtester Oper durch die boxopera am Samstagabend im Saalbau Stein.
MICHAEL GOTTSTEIN
Der Kulturkommission Stein ist es gelungen, ein beeindruckendes Opernereignis auf die Steiner Bühne zu holen, mit grossen Stimmen, einem kleinen, aber differenziert aufspielenden Orchester und einer Inszenierung, die sich nicht nur notgedrungen auf das Wesentliche beschränkte, sondern eigene Akzente setzte. Für ihre vierte Produktion seit der Gründung im Jahre 2019 hatte sich die von Peter Bernhard geleitete boxopera die berühmteste französische Oper des 19. Jahrhunderts ausgesucht, die dank ihrer von der Leidenschaft andalusischer Volksmusik inspirierten, koloristisch reichen Partitur und der überaus dankbaren und psychologisch treffsicher gezeichneten Partien zu den unvergänglichen Klassikern der Bühne gehört und mit Carmen einen Mythos geschaffen hat. Sie ist das weibliche Gegenstück zu Don Giovanni: Verführerisch und rücksichtslos bis zerstörerisch gegen andere und sich selbst, vor allem aber die Freiheit über alles liebend und bereit, dafür in den Tod zu gehen.
Eine Inszenierung mit zwei Realitätsebenen
Die Originaloper erzählt die Geschichte um die Zigeunerin Carmen, den einfachen Soldaten José, das Dorfmädchen Micaëla und den Torero Escamillo mit Szenewechseln und Zeitsprüngen, aber in chronologischer Reihenfolge. Natürlich reichen die Möglichkeiten der Steiner Bühne nicht aus, um alle Volks- und Ensembleszenen darzustellen, daher hatte die Regisseurin Anette Leistenschneider eine zündende Idee: Es scheint, als sei sie von dem in der Literaturwissenschaft viel diskutierten Konzept der Autoreferentialität inspiriert worden, denn in ihrer Inszenierung erzählt sich das Stück gleichsam selbst.
Einziger Schauplatz ist die Gefängniszelle Josés, der von Carmen so besessen war (und noch immer ist), dass er sie vor etwa 20 Jahren aus Eifersucht getötet hatte. In der Erzählgegenwart bekommt er Besuch von dem Dichter Prosper Mérimée (gespielt von Matthias Fankhauser), auf dessen Novelle das Libretto der Oper beruht. Dieser lässt sich die Geschichte von José Schritt für Schritt erzählen. Die Erinnerungen Josés werden aber nicht ausgesprochen, sondern auf der Bühne gesungen und gespielt, wobei eine geschickte Lichtregie die Unterscheidung zwischen den Realitätsebenen deutlich macht. Klares, taghelles Gelb steht für die reale Situation der Gefängniszelle, während die nur in der Erinnerung Josés präsenten Szenen in surreales Licht getaucht werden. Auf diese Weise können die bekanntesten Arien und Duette der Oper präsentiert werden. Es erwies sich als weiterer geschickter Regieeinfall, dass zwei überlebende Personen aus der Vergangenheit auftauchen: Micaëla, die vom Dorfmädchen zu einer etwas bieder wirkenden Frau geworden ist, aber noch immer zumindest Sympathien, wenn nicht mehr, für José empfindet (das überaus einfühlsam gesungene Duett deutet darauf hin), sowie Escamillo, der äusserlich kaum und innerlich gar nicht veränderte und psychologisch etwas simpel gestrickte Torero. Ihre Fragen fördern wie Katalysatoren Josés Erinnerungen zutage.
Der Mord wird noch einmal im Kopf durchlebt
Das Inszenierungskonzept überzeugte, aber es beleuchtete Carmen nicht unbedingt aus neuer Perspektive, denn es zeigte sich, dass José seine Tat nicht kritisch reflektiert, vielmehr sind seine Gefühle für Carmen auch nach 20 Jahren so lebendig wie einst. So kann er mit ungebrochener Affektvehemenz das grosse Finale (mit dem Mord) nachspielen, doch während er vor 20 Jahren Carmen erdolcht hatte, ist er es nun, der in seiner Gefängniszelle vor Schmerz zusammenbricht. Die Erinnerung ist so lebendig, dass sie für ihn zur erneut durchlebten Realität wird. Carmen entzieht sich der Umklammerung und schreitet zum Bühnenhintergrund, wo sie ikonengleich erstarrt.
Die grosse Frage der (gealterten) Micaëla, weshalb José damals denn nicht in sein Dorf zurückgekehrt sei, bleibt unbeantwortet, denn Prosper Mérimée kann darauf nur den Aphorismus Blaise Pascals zitieren: «La cœur a ses raisons, que la raison ne connaît pas ». Den Mythos Carmen kann man eben nicht dekonstruieren.
Überzeugende Leistungen der Sänger, Schauspieler und Musiker
Die Aufführung überzeugte auch durch die schauspielerischen Leistungen, das stimmige Bühnenbild, die Kostüme und die Maske sowie durch das von Andrea Del Bianco dirigierte und am Flügel begleitete kleine Streicherensemble. Es war beachtlich, wie es den Streichern auch ohne die Farbenvielfalt eines grossen Opernorchesters gelang, die differenzierte Harmonik, die zündenden Rhythmen und die weit gespannte Dynamik nachzuzeichnen und die verschiedensten Stimmungen zu evozieren: Von der prallen Lebenslust des Torero-Themas über die Laszivität der Habanera und das unheimlich dräuende Schicksalsmotiv bis zur grossen dramatischen Schlussszene. Ab und an agierte das Orchester allerdings so auftrumpfend, dass selbst die nicht gerade kleinen Stimmen Schwierigkeiten hatten, sich durchzusetzen.
Eine herausragende Leistung zeigte Sarina Weber, die sowohl die verführerische als auch die dem Schicksal trotzende, für die Freiheit zum Äussersten gehende Carmen glaubhaft verkörperte. Ihr mit reichlich Timbre, Volumen und Vibrato ausgestatteter Mezzosopran zeigte sich den grossen dramatischen Ausbrüchen vollauf gewachsen, und sie zeigte ebenso vokale wie schauspielerische Raffinesse in den Verführungsszenen und Einfühlungsvermögen bei Carmens Todesahnung. Peter Bernhard konnte trotz leichter Probleme bei hohen Pianissimo-Stellen die Wehmut, den emotionalen Aufruhr, den Schmerz Josés und dessen bis zum Wahnsinn gehende Besessenheit für Carmen glaubhaft vorführen. Eine psychologisch differenzierte Rollendarstellung. Cheyne Davidson gab mit markantem Heldenbariton und raumgreifender Bühnenpräsenz den selbstsicheren Escamillo. Mit schöner Sopranstimme und treffsicherer Charakterisierungskunst zeichnete Jeanne-Pascale Künzli-Lüdin die Micaëla, eine an sich lyrische Partie, die phasenweise über sich hinauswuchs, als sie sich beim Gang zur Schmugglerbande Mut zusprach. Viel Beifall belohnte alle Mitwirkenden für einen gelungenen Opernabend.