Von der kleinen Ameise über den Drachen bis hin zur Turmspitze mit Wetterhahn. Für den gelernten Bau- und Kunstspengler Roger Wanner, der in Wölflinswil bis zu seiner Pensionierung ein eigenes Spenglereigeschäft betrieben hat, ist nichts unmöglich. Aus Kupferblech kreiert er in der alten Technik des Kunsttreibens faszinierende dreidimensionale Werke. Seit rund 20 Jahren gibt er sein umfassendes Wissen auch in Kursen weiter, die von Teilnehmern aus aller Welt besucht werden.
SONJA FASLER HÜBNER
In der Werkstatt am Hinterrain wird fleissig gehämmert und gelötet. Vier Männer aus Deutschland absolvieren beim «Meister» einen Kurs
in Kunsttreibetechnik. Ein Teilnehmer hätte sogar aus Australien kommen sollen, doch er war dieses Jahr verhindert. Anfänger sind sie alle nicht. «Das ist meine Profigruppe», sagt Roger Wanner schmunzelnd. Die vier sind von Beruf Spenglermeister mit eigenen Betrieben, wissen also, wie man mit Metall arbeitet. Dennoch ist das Handwerk des Kunsttreibens auch für sie etwas Spezielles. Alle besuchen schon seit Jahren Kurse in Wölflinswil, für zwei von ihnen ist es bereits das 17. Mal. Die Werke, an denen sie arbeiten, könnten unterschiedlicher nicht sein. Holger Quast aus Preetz bei Kiel bearbeitet gerade die Spitzdachkonstruktion, auf die hernach ein Wetterhahn kommt. 2017 hat er schon mit der Arbeit begonnen und er wird zwei weitere Kurswochen brauchen, bis sie fertig ist. Der erste Wetterhahn, der auch in einem Kurs entstanden ist, sitzt auf dem Walmdach seines Hauses wie er stolz auf einem Foto zeigt.
Michael Knoppau aus dem Spreewald Südöstlich von Berlin arbeitet an einem fast zwei Meter grossen Adler, für den er wohl etwa drei Kurse benötigt. Dazwischen arbeitet er an «Scrat» aus dem Film «Ice Age». Gerhard Pilch aus Böel bei Flensburg kreiert einen Kupferstich, der das Porträt seiner Frau zeigt. Er wird damit während des Wochenkurses fertigt und ist sehr gespannt, wie seine Frau auf das Geschenk reagiert. Eine Kobra soll es bei Hardy Tepper aus Basdorf/Berlin werden. Aus dem Kupferblech erhebt sich bereits dreidimensional der Kopf der Schlange. 
Aus den Kursteilnehmern und ihrem Lehrer sind Freunde geworden, wohnen sie doch während des einwöchigen Lehrgangs auch bei Roger Wanner und seiner Frau, die seit 15 Jahren ausserdem das «Drachenstübli», einen Gastbetrieb mit 130 Plätzen, betreiben. Kost und Logis sind im Kursgeld inbegriffen. «Es sind jeweils schöne, aber lange Tage. Die Kurse beginnen um acht und enden um elf Uhr nachts», erzählt Wanner. Danach sitzt man noch etwas zusammen, und morgens um sechs steht der Meister bereits wieder in der Werkstatt und richtet alles her. Für eine Woche gibt es also nicht mehr als vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht.
Seit 20 Jahren Kursangebot
Mehr als zwei Kurse pro Jahr will der 70-Jährige deshalb auch nicht mehr durchführen. Vor 20 Jahren habe er angefangen Kurse zu erteilen und es waren manchmal bis zu zehn pro Jahr. «Da wäre mir heute zu viel», gesteht er. Werbung muss er dafür schon längst nicht mehr machen. Sein Fachwissen scheint sich in der ganzen Welt herumgesprochen zu haben.
Das Kursangebot entstand seinerzeit an Fachausstellungen, an denen er von Berufskollegen angefragt wurde, ob man die Fertigkeit des Kunsttreibens heute noch erlernen könne. So bot er dann während der ruhigeren Wintermonate nebst seinem Spenglerbetrieb die ersten Kurse an, die ihn schon bald weit über die Schweizer Grenze hinaus bekanntmachen sollten. Aber nicht nur erfahrene Berufsleute, sondern auch Anfänger führte er so in die Kunst ein.
Von der Industrialisierung verdrängtes Handwerk
Die Kunsttreibetechnik gab es schon im Mittelalter. «Durch die Industrialisierung geriet das alte Kunsthandwerk allerdings in Vergessenheit», weiss Wanner, der das Handwerk beherrscht wie wohl kein Zweiter. Er kam schon vor rund 50 Jahren zum ersten Mal in Berührung damit. So richtig «de Ärmel inegno» habe es ihm bei seiner ersten offiziellen künstlerischen Arbeit an der Kirche von Kestenholz. Die Restauration der beiden sogenannten «Ochsenauge»-Ornamentfenster war so aufwendig, dass die Arbeitszeit dafür zwei volle Monate betrug. Nach dem anspruchsvollen Auftrag war er so motiviert, dass er von da an einen grossen Teil seiner Freizeit der Kunsttreibetechnik widmete. Im Laufe der Zeit hat er sein Wissen darüber, das meiste autodidaktisch, und die Ausstattung seiner Werkstatt laufend erweitert. Er besitzt über 150 verschiedene Hammer und unzählige sogenannte Punzen, die es zum Bearbeiten des Metalls braucht. «Einige davon sind 200- bis 300-jährig», so Wanner. Andere lässt er nach seinen Vorgaben fertigen und verkauft sie auch. Auch mehrere Wannen mit Treibpech, das es zum plastischen Formen des Kupferblechs braucht, gehören zum Inventar. Je nach Grösse und Komplexität eines Objekts werde zehntausende von Hammerschlägen benötigt, bis es fertig ist. Und das in Perfektion, das ist Roger Wanner, der auch bei seinen Schülern auf Präzision achtet, sehr wichtig. Halbe Sachen gibt es bei ihm nicht.
Faible für Drachen und Greifvögel
Da er ein Faible für mystische Wesen hat, war der Drache lange Zeit eines seiner Lieblingsmotive, deshalb auch der Name des Gastbetriebs. Inzwischen liegt der Fokus mehr auf Greifvögeln. Im Wohnzimmer steht ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln, den er sogar mit Gold überzogen hat, und der darauf wartet, bis Roger Wanner ihn auf den ebenfalls in Kunsttreibetechnik gefertigten Baum im Gartenrestaurant setzt. Der originalgrosse Baum ist mit über 6500 Blättern bestückt und wirkt täuschend echt. «Rund eineinhalb Jahre habe ich daran gearbeitet», verrät der Künstler.
Überhaupt sind sowohl Gaststube als auch Garten eine faszinierende Fantasiewelt. Es gibt hier unzählige Werke zu entdecken. Auf dem Grill, in dem vorzugsweise Wildschwein zubereitet wird, thront ein Schloss mit goldenen Dächern und das Gelände durchzieht eine Modelleisenbahn Spur 1 mit einem hundert Meter langen Schienennetz. Auf dem Gebälk in der Gaststube sitzen unzählige Ameisen, Schmetterlinge, Spinnen und vieles mehr, die zeigen, dass mit der Kunsttreibetechnik auch sehr kleine, filigrane Objekte entstehen können. Sogar der Ohrring, den Roger Wanner trägt, hat er selbst gefertigt.
Und ein weiteres Kuriosum steht in seiner Garage. Als Fan von amerikanischen Oldtimern hat er dort einen Chevrolet Jahrgang 1969 stehen, dessen Kühlerhaube ein dreidimensionaler Drache ziert. Das Wort «unmöglich» kennt Roger Wanner offensichtlich nicht: «Es gibt nichts, was man nicht machen könnte», ist er überzeugt.