Vor 30 Jahren, in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1996, ist Adelheid Duvanel gestorben. Ein Reiter fand sie in den frühen Morgenstunden in einem Wald bei Arisdorf. Die gemeinhin unbekannte Duvanel gilt in Insiderkreisen als eine der bedeutendsten literarischen Stimmen der Schweiz.
Von Andreas Fischer *
Adelheid Duvanels Bruder Felix Feigenwinter erzählt in seinem Internet-Blog eine symptomatische Geschichte: Seine Schwester habe sich einmal in einer Basler Buchhandlung als Hilfskraft bewerben wollen. Da habe sie einen Prospekt des Luchterhand-Verlags aufliegen sehen – und darauf ein Bild von sich. Sie habe die Buchhandlung wortlos wieder verlassen.
Luchterhand ist einer der wichtigsten Verlage für deutschsprachige Gegenwartsliteratur; in ihm wurden Duvanels Geschichten publiziert. Trotzdem lebte sie in prekären Verhältnissen, am Existenzminimum und gesellschaftlich marginalisiert. Die Diskrepanz, die ihr da in der Buchhandlung vor Augen geführt wurde, löste bei der scheuen Autorin Verwirrung und Scham aus.
Wunderkind
Zur Welt kam Adelheid Duvanel am 23. April 1936 in Pratteln. Sie wuchs als ältestes von vier Kindern in einem bürgerlich-konservativen Milieu in Pratteln und Liestal auf, der Vater Georg Feigenwinter, Obergerichtsschreiber und später Strafgerichtspräsident, war praktizierender Katholik, die Mutter, Elisabeth geb. Lichtenhahn, eine Basler Protestantin. Adelheid galt als Wunderkind, im Vorschulalter schon erfand sie Märchen, schrieb Theaterstücke, zeichnete und malte. In der Pubertät verbrachte sie ein Jahr in einem katholischen Mädcheninstitut. Als sie, 17-jährig, von dort zurückkehrte, zog die Familie aus dem idyllischen Haus mit grossem Garten in eine Wohnung. Dies, vermutet ihr Bruder, habe «Entfremdungszustände, die sie im Internat erlebt hatte, zusätzlich verstärkt». Duvanel selbst schreibt in ihren Kindheitserinnerungen: «Ich denke, dass auch Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies lange Zeit umherirrten, bis sie einen Platz fanden, auf dem zu leben sich lohnte.»
Drogenschulden
Adelheid Duvanel selber scheint diesen Platz zeitlebens nicht gefunden zu haben. Es folgten Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, abgebrochene Berufslehren, die toxische Ehe mit dem Basler Künstler, Bohemian und Beauvivant Joseph «Joe» Duvanel (1941-1986), die Sorge um die drogenabhängige, Aids-kranke Tochter und das Enkelkind. Felix Feigenwinter erzählt in seinem Blog, dass die Schwester, als sie nach einer Lesung an den Solothurner Literaturtagen im Mai 1996, kurz vor ihrem Tod, zusammen nach Basel zurückfuhren, zu ihm sagte: «Wenn ich jetzt nach Hause komme, wartet ein Dealer in der Wohnung, um mir das Honorar abzunehmen, das ich für die Lesung bekommen habe. Drogenschulden!»
Adelheid Duvanel könnte eine der Figuren sein, die ihre Erzählungen bevölkern. Da sind Alkoholiker, Junkies, Schizophrene, Suizidale, da sind insgesamt versehrte Existenzen. Für sie alle gilt, was Duvanel, sich selbst mit einschliessend, schreibt: «Wir haben es schwer, die gangbaren Wege zu finden. Wir mühen uns ab auf den nicht gangbaren.» Es sind – um sie mit weiteren dieser Sätze aus der Duvanel-Welt zu skizzieren – «Menschen, die sich nicht an das Hiersein gewöhnen können». Sie sind «aus einer kleinen Ordnung gefallen, aus einer kleinen Wärme und einer kleinen Sicherheit». «Man müsste», sagt einer von Duvanels Protagonisten, die jenseits von Eden am Frieren sind, «meine Seele wärmen, aber meine Seele ist zu gross und meine Hände sind zu klein.»
«Wahrscheinlich ausserhalb»
Kein Zweifel: Duvanel könnte eine der von ihr erschaffenen Figuren sein. Dennoch wäre es ein Irrweg, ihre Texte bloss als Abbild und Verarbeitung ihres Lebens zu verstehen. Der bekannte, letztes Jahr verstorbene Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt (1937-2025) schreibt in einem seiner luziden Kommentare zu Duvanel: «Man darf ihre Arbeiten nicht von ihrer Biografie aus lesen.» Sie sind auch nicht sozialkritisch; sie sind existenziell, und das heisst: Sie gehen uns alle an. Duvanels Texte entstehen im Übergang von der Traum- in die Tagwelt. Von Matt fährt fort: «Die Grenzen zwischen Schlaf und Wachen sind durchlässig. Dass sie mit einem scharfen Strich gezogen seien, ist eine Täuschung. Diese stammt aus der Abwehr des Fremden.» «Die Vernunft», stellt von Matt fest, habe «Angst vor ihren eigenen Rändern». In jener «Zone, wo es von beiden Seiten hereinweht», komme uns «die Sicherheit» abhanden.
In eben dieser Zone schreibt Duvanel. Eine ihrer Figuren antwortet auf die Frage seiner Schwester, wie sie als Kind sprechen gelernt haben, mit den merkwürdigen Worten: «Wahrscheinlich ausserhalb.». Von «Ausserhalb» drängen die Texte in die sogenannte Wirklichkeit ein und bringen sie mit überraschenden, fremd-befremdlichen, zuweilen heiter-komischen Metaphern in die Schwebe. «Die Sonne», schreibt Duvanel, «hält sich eine graue Wolke wie einen Pudel» und «weisse Wolken gleichen aufgeplusterten Hühnern». Eine ihrer Figuren nennt ihre Einzimmerwohnung mitten in der Stadt «Wohnwagen». Ein Flügel steht in einer Sozialwohnung «wie ein düsteres Tier in einem zu engen Käfig». Und «Norma ist schön wie eine Vase, die von einer weissen Hand getragen wird und die sich wünscht, fallengelassen zu werden.»
Mythischer Tod
Letzterer Satz ist ein typischer Eingang in eine Duvanel-Geschichte: Wenige Worte charakterisieren einen Menschen in einer Präzision und Tiefe, für die andere Autoren viele Seiten brauchen. Duvanel erschafft in ihren Erzählungen, die in der Regel nur eine oder zwei Seiten umfassen, Persönlichkeiten, «im alten, stolzen Sinn des Wortes», wie von Matt bemerkt: «Duvanel geht hinter den Prozess zurück, durch den der Begriff der Persönlichkeit allmählich gleichbedeutend wurde mit sozialem Erfolg, Einfluss und Macht. … Sie geht zurück dorthin, wo einst auch das Kind erstmals zu einem Wesen eigener, vollgültiger Beschaffenheit erklärt wurde, … eine Gegengestalt zum Erwachsenen und diesem in so vielem überlegen. Damals wurde auch der Verrückte, der Verschrobene als Gegengestalt begriffen.»
Vor 30 Jahren ist Adelheid Duvanel zurückgegangen in jenes Ausserhalb, aus dem heraus sie zeitlebens geschrieben hatte. Sie ist in einer ungewöhnlich kalten Julinacht unter Medikamenteneinfluss erfroren in einem Wald, den sie aus ihrer Kindheit kannte. Es war, wie ihr Bruder Felix Feigenwinter schreibt, ein «mythischer Tod». Sie, die Tiere liebte und in deren Erzählungen oft Tiere vorkommen, wurde post mortem von einem schwarzen Hund bewacht. Als man sie fand, verschwand er und wurde von der Polizei vergeblich gesucht.
Bild: Adelheid Duvanel. Foto: Bild-ID: E01H9T Süddeutsche Zeitung / alamy
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* Andreas Fischer ist reformierter Pfarrer in Kaiseraugst. Am kommenden Sonntag, 12. Juli (10 Uhr im Kirchgemeindehaus Kaiseraugst), wird er sich im Gottesdienst mit Texten von Adelheid Duvanel befassen (nähere Informationen: www.ref-rheinfelden.ch).
Die Werke von Adelheid Duvanel sind im Limmat Verlag in drei Bänden – «Fern von hier» (2021), «Nah bei Dir» (2024), «Es gibt Tage» (2025) – erschienen.
Einen Einblick in Duvanels malerisches Schaffen, auf das in diesem Artikel kein Bezug genommen wird, gibt der schöne Ausstellungskatalog «WÄNDE dünn WIE HAUT» von Monika Jagfeld (erhältlich bei www.openartmuseum.ch)