(pd) Trotz erheblicher konjunktureller und handelspolitischer Belastungen ist die Stimmung in der Aargauer Wirtschaft grundsätzlich gut. Aus fast allen Branchen berichten die von der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) befragten Unternehmen über ein zumindest befriedigendes Geschäftsjahr 2025. Auch für das laufende Jahr 2026 ist eine Mehrheit optimistisch.
Es darf aber nicht vergessen werden, dass die Lage für die Unternehmen im Aargau aufgrund unterschiedlicher Spannungsfelder herausfordernd bleibt. Die AIHK fordert deshalb, dass der Fokus in der Wirtschaftspolitik konsequent an den Interessen der Unternehmen ausgerichtet wird.
Zu Beginn des Jahres befragt die Aargauische Industrie- und Handelskammer (AIHK) jeweils ihre Mitglieder über deren aktuelle wirtschaftliche Lage. An der diesjährigen Umfrage im Januar haben 449 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen teilgenommen. Gewichtet werden die Resultate nach Anzahl der Beschäftigten eines Unternehmens. Das heisst, dass Antworten von Unternehmen mit mehr Mitarbeitenden höher gewichtet werden als von kleineren Firmen.
Exportorientierte Branchen bewerten negativer
In der Gesamtbetrachtung fällt auf, dass die Dienstleistungsbranchen die allgemeine Entwicklung des Geschäftsjahres deutlich besser bewerten als die Industrie. Alice Paula, Betriebswirtin und Immobilienökonomin bei Fahrländer Partner Raumentwicklung, erklärt dies so: «Die Industrie ist stark exportorientiert und ist damit überproportional von der Nachfrage in Europa und den USA abhängig. Sie leidet deshalb besonders unter der Kombination aus global schwachem Wachstum, anhaltenden Handelskonflikten und dem strukturell starken Schweizer Franken.» Der Dienstleistungssektor profitiere hingegen stärker von der robusten Binnennachfrage und von einer weniger ausgeprägten Wechselkursabhängigkeit.
MEM-Industrie weiter unter Druck
Eine zentrale Branche der Aargauer Wirtschaft ist die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie). Die Resultate dieser Branche fallen heterogen aus. Während die Elektroindustrie das Geschäftsjahr 2025 als gut beurteilt, sind die Unternehmen mit Metallerzeugung- und bearbeitung sowie der Maschinenbau deutlich weniger optimistisch. Die jüngste Protektionsmus-Welle, angetrieben durch die US-Zölle sowie die Einführung von EU-Grenzausgleichszölle, stellt eine erhebliche Bedrohung für die kleine, offene Schweizer Volkswirtschaft dar.
Arbeitsmarkt in einer Abkühlungsphase
Die angespannte konjunkturelle Lage zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Nach Jahren des Stellenaufbaus hat die Arbeitslosigkeit im vergangenen Jahr zugenommen. Zwischen Januar und Dezember 2025 ist die Arbeitslosigkeit von 2,6 auf 3,0 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Rückmeldungen der Wirtschaftsumfrage wider. Die Teilnehmenden im Industriesektor meldeten einen Abbau der Stellen um 1 Prozent im vergangenen Jahr, während der Dienstleistungssektor eine Zunahme von 2,5 Prozent für 2025 bekanntgibt. Fürs laufende Jahr wir im Durchschnitt mit einem Plus von 0,6 Prozent gerechnet.
Grosse Unsicherheiten aufgrund der volatilen US-Zollpolitik
Die diesjährigen aktualitätsbezogenen Fragen widmen sich den Herausforderungen der erhöhten US-Zölle. 61 Prozent der befragten Aargauer Unternehmen waren und sind gemäss ihren Antworten nicht davon betroffen. Im Industriesektor sind es nur 20 Prozent und im Dienstleistungssektor 95 Prozent der Unternehmen. Beat Bechtold, Direktor der AIHK sagt: «Die grösste Herausforderung der US-Zölle sind nicht die Zollsätze an sich, sondern die daraus resultierende anhaltende Unsicherheit. Die mangelnde Planbarkeit erschwert Investitionsentscheide und verzögert zentrale Weichenstellungen.»
Wirtschaftsstandort Aargau steht vor grossen Herausforderungen
Zunehmender Protektionismus, anhaltend schwaches Wachstum bei den wichtigsten Handelspartnern sowie der strukturell starke Franken und das hohe Lohnniveau erhöhen den Druck auf den Wirtschaftsstandort Aargau. Insgesamt bewerten ihn die Unternehmen zwar als gut, jüngste Entwicklungen zeigen jedoch die Notwendigkeit, dass die Politik den Fokus an den Interessen der Unternehmen ausrichtet. Denn das internationale Umfeld ist sehr dynamisch, und die Standortqualität muss folglich ständig verbessert werden, damit die Bewertung auch künftig positiv ausfällt. AIHK-Direktor Beat Bechtold sagt: «Damit der Kanton Aargau im vollen Umfang von der neuen Mitgliedschaft bei der Greater Zurich Area profitieren kann, soll die nächste Gewinnsteuersenkung für die Unternehmen geplant werden. Gleichzeitig profitieren so auch bereits ansässige Unternehmen.» Ausserdem müsse bei geplanten Ansiedlungen, wie jene, die aktuell in der Gemeinde Wettingen zur Diskussion steht, die ansässige Bevölkerung der Region von Anfang an vollständig und transparent informiert und miteinbezogen werden, damit die daraus resultierenden Chancen für den regionalen Wirtschaftsraum aufgezeigt werden können. «Sorgen müssen ernst genommen und breiter diskutiert werden. Schlussendlich müssen auch Lösungen dafür gefunden werden» sagt Bechtold. Dabei gilt es insbesondere auch die Interessen der lokalen KMU zu berücksichtigen. Es sollen nicht nur internationale Konzerne im Fokus stehen, sondern auch bei den Interessen der lokalen KMU sollten die Behörden mehr Flexibilität und Gestaltungswillen zeigen.
Die vollständigen Ergebnisse der Wirtschaftsumfrage auf der Website www.aihk.ch/wirtschaftsumfrage.
Bild 1: Allgemeine Entwicklung des Geschäftsjahres. Quelle: AIHK Wirtschaftsumfrage 2026
Bild 2: Welches sind die grössten Herausforderungen für Ihr Unternehmen im Bezug auf die US-Handelspolitik? Resultate gewichtet, in Prozent, Mehrfachnennungen möglich, Quelle: AIHK Wirtschaftsumfrage 2026