Von Jürg Keller, Rheinfelden
«Glückliches Möhlin – auch ohne Zentrum» – zum Leserbrief von Peter Metzger
Vom Oberdorf bis zur Bata hat Möhlin zwar nur ein schwach ausgebildetes Zentrum, aber auch keine Leerstellen, sondern eine lückenlose Folge kleiner Zentren. Dies wird von vielen als Mangel empfunden, so auch von Peter Metzger (fricktal.info online vom 11. Dezember).
Wir sind uns gewohnt, dass unsere Städte auf ein Zentrum ausgerichtet sind, Stadtmauern und Kathedralen haben dies vorgegeben. Aktuell darf aber diese Zentralisierung durchaus hinterfragt werden. Stadtzentren verlieren immer mehr an Vitalität und müssen mit teuren Citymanagern und zweifelhaftem Erfolg vor dem Aussterben bewahrt werden. Die USA sind dieser Entwicklung vorausgegangen: Das Zentrum Detroits ist nach Büroschluss eine Geisterstadt. Rheinfelden hat eine ähnlich grosse Längenausdehnung wie Möhlin, aber ein stark betontes Zentrum, das bereits in die Schwächephase eingetreten ist.
Die berechtigte Frage lautet also: Könnte die dezentralisierte Organisation Möhlins nicht etwa zukunftsfähiger sein als zentralisierte Ortskerne?
Dazu ein Vergleich aus der biologischen Evolution: Wir kennen nur – mit allen Säugern zusammen – das Zentrum unseres Kopfes. Ohne den läuft nichts. Das wusste jeder Scharfrichter: Geköpfte zuckten nicht einmal mehr. Bereits Vögel haben aber zwei Gehirne. Ohne Kopf können Hühner noch kräftig herumflattern. Bei Sauriern waren es noch mehr, und beim Regenwurm – nach Darwin das nützlichste aller Tiere – hat jeder der zirka 150 «Ringe» (Segmente) sein eigenes Gehirn, vom Kopfsegment aus sind nur wenig Funktionen gesteuert. Den Vorteil dieser Dezentralisierung kannte früher jedes Kind: Ein Pflug kann Regenwürmer zwar zerschneiden, aber kaum töten. Die beiden Schnitthälften können sich zu zwei ganzen Regenwürmern regenerieren.
Von der Biologie zurück zu Möhlin: Schwächelt eine Stelle, kann an der langen Dorfstrasse rasch eine andere Stelle kompensieren. Ein Erdbeben (wir leben auf einem seismischen «hotspot»), lässt vielleicht einen Teil des Dorfes einstürzen, kaum aber das ganze. Vom unversehrten Teil her könnte sich Möhlin rasch wieder regenerieren. Ein Erdbeben in Rheinfeldens Zentrum würde aber den Kopf des Städtchens zerstören.
Man müsste also Möhlin raten, das Dorfzentrum nicht auszubauen, sondern glücklich in ihren jetzigen Strukturen zu bleiben. Es könnte sein, dass daraus einmal Dankbarkeit erwächst.